Musik
18.04.2017 07:35

Riff Cohen: «Roots und Punk in einer poppigen Hülle»

  • Auch auf der Bühne hat Riff Cohen eine fröhliche Präsenz.
    Auch auf der Bühne hat Riff Cohen eine fröhliche Präsenz. | Bild: PD
  • Xenia Rubinos aus den USA präsentiert jazzigen R ’n’ B. | Bild: PD
STANSER MUSIKTAGE ⋅ Die israelische Singer-Songwriterin Riff Cohen (33) überschreitet nicht nur in ihrer Musik kulturelle Grenzen. Zusammen mit Ravid Kahalani und der Band Yemen Blues sorgt sie an den Stanser Musiktagen für Tanzstimmung.

Riff Cohen wurde 1984 in Tel Aviv als Kind eines jüdischen Tunesiers und einer algerisch-jüdischen Französin geboren. Ihr erstes Album, «A Paris», hat sie 2013 veröffentlicht, 2015 folgte «A la menthe»; derzeit arbeitet sie an ihrem dritten Album. Cohen singt in Hebräisch, Französisch, Arabisch und Englisch.

Riff Cohen, mit Ravid Kahalani haben Sie einen weiteren Sänger dabei. Was ist das Besondere an ihm?

Riff Cohen: Ravid ist seit vielen Jahren ein guter Freund von mir. Er stammt aus einer grossen jemenitischen Familie. Er ist für mich ein Künstler, der seine Wurzeln pflegt und intakt hält, und das ist eine Seltenheit heutzutage. Er war auch schon mein Gast auf «A Paris», meinem ersten Song, den ich veröffentlichte.

Hatten Sie mit Ihren grossen Talenten schon früh den Wunsch, Musikerin zu werden?

Cohen: Ich komme aus einer Familie, für die das Künstlerische, vor allem die bildende Kunst, immer einen hohen Stellenwert hatte. Meine Eltern lieben auch die Musik, obwohl sie selber nie diesen Weg gingen. Meine Mutter hat mir allen musikalischen Support gegeben. Schon als vierjähriges Kind habe ich begonnen, mich mit Musik zu beschäftigen.

Mit was für Musik sind Sie gross geworden? Welches waren Ihre Favoriten?

Cohen: Ich wuchs in den 1980er- und 1990er-Jahren auf. Meistens habe ich Platten meiner Eltern gehört. Von Wagner zu Oum Kul­thum, von Trip-Hop zu alten französischen Chansons. Später hörte ich gerne The Mystery of Bulgarian Voices, Monteverdi, Björk, Radiohead und Blonde Redhead.

Sie haben in Tel Aviv gelebt. Was herrscht dort für eine Atmosphäre? Was hat Sie inspiriert?

Cohen: In Tel Aviv ist man mit Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammen, sei es in der Schulklasse, im Restaurant – überall. Es gibt nicht diese ökonomischen Barrieren oder Klassen von Menschen. Von daher ist es ein grossartiger Ort, um Neues auszuprobieren. Der orientalische Lebensstil mischt sich mit westlichen Mentalitäten, man findet religiöse Menschen und solche, die es überhaupt nicht sind; das alles hat Platz in der Gesellschaft. In Istanbul ist das ähnlich.

Auch haben Sie mehrere Jahre in Paris gelebt und sind dann wieder nach Tel Aviv gezogen.

Cohen: Tel Aviv ist einfach eine interessante Stadt und voller Inspiration für mich. Dort ist etwas Neues, das mich anzieht, wie es das in Paris nicht gibt. Für mich ist es auch praktisch, in Tel Aviv zu leben. Es behagt mir. Und ich kann genauso gut mit der ganzen Welt verbunden sein und arbeiten wie in Paris.

Sie haben Musikethnologie studiert. Wie beeinflusst das ihren Musikgeschmack und die Art und Weise, wie Sie arbeiten und Musik machen wollen?

Cohen: Ich liebe es, Musik kulturell zu analysieren und den breiten Fundus an Ausdrucksarten zu respektieren. In Israel kommt das etwas zu kurz. Sehr viele Bands oder Künstler wollen nach westlicher Musik klingen. Das möchte ich ändern. Ich versuche, stärker die kulturell gemischten Identitäten in Israel aufspüren und daraus einen neuen Sound zu machen.

Haben Sie in dieser Offenheit für ganz verschiedene Einflüsse trotzdem Präferenzen, mit welchen musikalischen Quellen Sie persönlich vermehrt arbeiten möchten?

Cohen: Ich bin fasziniert von der Berbermusik Nordafrikas, auch von der Mystik ihrer musikalischen Kultur. Sie sind mit etwas verbunden, das wir immer weniger spüren.

Wie würden Sie selber Ihre Musik bezeichnen?

Cohen: Das ist schwierig zu beantworten. Vielleicht Roots und Punk in einer poppigen Hülle?

Sie bewegen sich, von Ihrer Herkunft her und auch im täglichen Leben und Arbeiten, zwischen verschiedenen Kulturen. Fühlen Sie sich mehr jüdisch, nordafrikanisch, israelisch, französisch? Ist das wichtig?

Cohen: Es trifft alles und nichts zu. Wenn ich in Paris bin, fühle ich mich als Israelin, wenn ich in Israel bin, fühle ich mich als Französin. Aber tief in mir drin spüre ich, dass ich einen neuen Lebensstil erfinde, der alles mischt, was ich von anderen Kulturen aufnehme, die für mich neu sind. So koche ich neuerdings auch Wienerschnitzel.

Verstehen Sie sich in Ihrer Rolle als Musikerin auch als eine Art Vermittlerin zwischen der arabischen und der westlichen Welt?

Cohen: Ich denke, dass jeder Israeli oder Jude ein Vermittler sein kann.

Welches ist Ihre Botschaft an das Publikum? Oder auch an die Politiker, die Sie eventuell hören?

Cohen: Darüber zu sprechen, ist nicht wirklich meine Domäne. Aber sich selber zu kennen, die anderen Menschen zu respektieren und zu verstehen, dass wir auf der gleichen Welt zusammenleben, ist sicher ein guter Anfang.

Haben Sie schon eine Vorstellung, was Sie als Nächstes musikalisch machen möchten?

Cohen: Ich träume davon, eines Tages zu meinen alten Kompositionen zurückzukehren, die ich auf dem Piano gemacht habe. Aber ich bin mir noch nicht sicher, ob sie schon Teil meines dritten Albums sein werden.

Interview: Pirmin Bossart

Stanser Musiktage vom 25. bis 30. April

Das Programm

21 Bands bestreiten dieses Jahr das Hauptprogramm der Stanser Musiktage. Stilistisch repräsentieren sie die gewohnte Palette von World Music, Jazz, Pop und Volksmusik, mit jeder Menge von Acts, die es noch zu entdecken gilt. Zu den starken Stimmen neben Riff Cohen (siehe Interview) zählen Xenia Rubinos oder Fatima, die auch R ’n’ B, Hip-Hop und Funk in ihre Songs einfliessen lassen. Gisela João ist der neue Shootingstar des portugiesischen Fado. Die deutsch-brasilianische Sängerin Dillon tritt mit einem 12-köpfigen Frauenchor auf. Die Schwedin Anna von Hausswolff schwebt mit Orgel, Stimme und Band monumental über düster-sakralen Pop-Abgründen.

Schweizer Premiere

Archaische und zeitgemässe Trance-Musik gibt es mit den legendären Master Musicians of Jajouka aus Marokko – einer Schweizer Premiere – oder, jazz- und impromässig aufdatiert, mit dem Amerikaner Joshua Abrams und seiner Natural Information Society. Schwelgen und feiern lässt sich mit dem Indie-Mambo des Orkestra Mendoza um den Calexico-Musiker Sergio Mendoza.

Mit A Novel of Anomaly (Andreas Schaerer, Lucas Niggli, Luca Biondini, Kalle Kalima), dem kanadischen Saxofon-Virtuosen Colin Stetson, dem Rolf Kühn Trio oder dem Duo Achim Kaufmann/Michael Moore gibt es eine Reihe von erstklassigen Jazz-Acts zu geniessen. Kamily Jubran und Werner Hasler verbinden arabischen Gesang und Elektronik zu einer berührenden Musik. Markant schön ist auch die Soundwelt der Hora- Band, einer Truppe von Menschen mit einer Behinderung.

Volksmusikalisch empfehlen wir Pirmin Hubers Ländlerorchester oder das wunderbare Duo Albin Brun/Patricia Draeger. Ein Pflichtbesuch für Volksmusikfreunde ist die neue Länzgi-Bühne, wo Stubete-mässig diverse einheimische Formationen auftreten. Im Nachtprogramm grooven der Ex-Fela-Kuti-Musiker Dele Sosimi mit seiner Band sowie das Trio Islam Chipsy & EEK aus Ägypten. Auch die einheimischen Famous October stellen zu späterer Stunde ihre neuen Songs vor.

pb

Dienstag, 25., bis Sonntag, 30. April
Stans
Weitere Infos: www.stansermusiktage.ch

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