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05.08.2015 00:00

Akanthusranke im Flachschnitt

  • Die wertvollen Flachschnitzereien
an der Decke des Beinhauses
St. Michael  (© Bild Maria Schmid)
    Die wertvollen Flachschnitzereien an der Decke des Beinhauses St. Michael | Bild Maria Schmid
  • Sie stammen aus der Bauzeit um 1516.  (© Bild Maria Schmid)
    Sie stammen aus der Bauzeit um 1516. | Bild Maria Schmid
  • Kirche Beinhaus St. Michael in Zug.  (© Maria Schmid)
    Kirche Beinhaus St. Michael in Zug. | Maria Schmid
ZUG ⋅ Die Zierelemente der Holzdecke im Beinhaus St. Michael scheinen nur auf den ersten Blick schlicht. Die bemerkenswerten Flachschnitzereien, die ein vorchristliches Motiv zitieren, sind 500 Jahre alt.

Auf dem Friedhof St. Michael, dort, wo im Frühling die rosa Kirschblüten blühen, dort tut es gut, innezuhalten, nachzudenken, zu gedenken, auf einer Bank beim Gemeinschaftsgrab. Der Blick wandert über die schimmernden Gedenktäfelchen, Kieswege und Grünflächen, hin zu einem kleinen Gebäude, dem Beinhaus St. Anna. Das heute älteste Gebäude auf dem Areal birgt einen unauffälligen Schatz aus dem 16. Jahrhundert: kunstvolle Flachschnitzereien an der einfachen Holzdecke.

Das Beinhaus St. Anna gehört zur ersten Pfarrkirche St. Michael, die im Bereich des heutigen Gemeinschaftsgrabes stand. Im Jahr 1898 wurde diese Kirche abgebrochen und die neue, heute bekannte an der Zugerbergstrasse errichtet. Die Schriftquellen belegen, dass die ursprüngliche Pfarrkirche im Jahr 1457 durch ein Feuer zerstört, anschliessend wieder neu errichtet und 1469 geweiht wurde. Das heute noch bestehende Beinhaus dürfte im Jahr 1513 gebaut und 1515 geweiht worden sein. «Ein Beinhaus diente in erster Linie für die Aufbewahrung der Gebeine, die zum Vorschein kamen, wenn man auf den Friedhöfen Platz für neue Gräber schaffen musste. Dass sie in unserer Gegend auffallend oft aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts stammen, könnte deshalb in einem Zusammenhang mit dem Ende des 15. Jahrhunderts zu verzeichnenden Bevölkerungsanstieg zusammenhängen», erklärt Thomas Glauser, Stadtarchivar von Zug.

Ein Grossteil der Flachschnitzereien an der Holzdecke sind Zeugen aus der Bauzeit. Ein Flachschnitt ist, wie der Name sagt, aus einem flachen Stück Holz gearbeitet und weist zwei Ebenen auf: eine vordere mit dem Motiv und eine tiefere, hintere mit den Zwischenräumen. Diese einfache plastische Schnitzerei erzeugt bei seitlichem Lichteinfall ein lebendiges Schattenspiel. Während die Medaillons mit figurativen Szenen so die Heiliggeisttaube, die Strahlenkranzmadonna, St. Anna selbdritt, St. Michael mit Waage und Schwert sowie der Tod mit Sanduhr – aus jüngerer Zeit stammen, sind die umfassenden und gliedernden, flach geschnitzten Friese mit den begleitenden Reliefschnitzereien noch original. Dargestellt sind Blüten- und Blattranken sowie gerollte Bänder mit Sinnsprüchen, die an die Vergänglichkeit alles Irdischen mahnen. Die Bemalungen der Friese sind eine Mischung von verschieden alten Fassungen. Wie die eingeschnitzte Jahrzahl und die Initialen HW belegen, wurden die Flachschnitte von Hans Winkler – der in der Oberaltstadt 9 in Zug wohnte – im Jahr 1516 gefertigt.

Von besonderer Anmut ist das Motiv der Akanthusranke mit Mittelstab, das auf verschiedenen Friesen zu sehen ist. Der Akanthus (griech. Ákanthos Bärenklau) ist eine im Mittelmeerraum verbreitete Distelart mit formschönen Blättern. Das Akanthusblatt kommt seit der Antike als stilisiertes Ornament in der bildenden Kunst und Architektur vor, so etwa als charakteristisches Schmuckelement des korinthischen Kapitells. Seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. entwickelt sich das Motiv der «Akanthusranke», einer aus Akanthusblättern zusammengesetzten, wellenartigen Ranke, die vor allem als rahmendes und zierendes Ornament Verwendung findet. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit wird dieses Motiv wieder aufgegriffen, so wie hier in der Flachschnitzerei oder auch in der Buch- und Wandmalerei und auf Wirkteppichen.

Im katholischen Kanton Zug sind Flachschnitzereien in sakralem Kontext ausschliesslich aus Beinhäusern bekannt, und zwar aus der Zeit zwischen 1497 und 1535. Demgegenüber finden sich im benachbarten und reformierten Kanton Zürich Flachschnitzereien als Raumschmuck in ländlichen Kirchen. Sie stammen aus der Zeit zwischen 1470 und 1524. Ausgehend vom zwinglianischen Grundsatz der vergeistigten Kirche, die nicht auf die materielle Schönheit der Gotteshäuser angewiesen ist, setzte die Reformation dem Raumschmuck und damit auch den kunstvollen Flachschnitzereien in reformierten Sakralbauten ein abruptes Ende. Doch sind wohl gerade dank der Reformation und dem nachfolgenden Bau- und Umbaustopp der Kirchen die spätgotischen Flachschnitzereien im Kanton Zürich so zahlreich erhalten geblieben. Im katholischen Kanton Zug überdauerten Flachschnitzereien die Reformation, in sakralem Kontext allerdings nur in Beinhäusern, den weniger wichtigen Nebengebäuden der Kirche. Dies liegt daran, dass die meisten Kirchen im Kanton Zug seit dem 17. Jahrhundert entweder neu errichtet oder im grossen Stil umgestaltet und dabei allfällige Flachschnitzereien entfernt wurden.

Es lohnt sich also, immer einen Blick in die unscheinbaren Beinhäuser neben den imposanten Kirchen zu werfen und nach oben zu schauen. Schon in nächster Nähe können Sie einen weiteren dieser prächtigen Flachschnitte entdecken, nämlich im Beinhaus der Kirche St. Oswald.

Brigitte Moser, Kunsthistorikerin

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach.

 

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