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21.01.2015 00:00

Aller Modernisierung getrotzt

  • Erhabene Schönheit: Der Speisesaal im Restaurant Schiff ist im altdeutschen Stil gehalten. Er ist im Originalzustand von 1899 erhalten geblieben.
    Erhabene Schönheit: Der Speisesaal im Restaurant Schiff ist im altdeutschen Stil gehalten. Er ist im Originalzustand von 1899 erhalten geblieben. | Stefan Kaiser / Neue ZZ
ZUG ⋅ Der historische Speisesaal im Restaurant Schiff ist seit 116 Jahren unverändert. Womöglich diente er einst sogar als erstes Kino in Zug.

Er ist das Herzstück unseres Betriebs», sagt Erich Barth und lässt seinen Blick durch den Saal schweifen. Dieser Saal das besagte Herzstück – gehört zum Restaurant Schiff an der Zuger Seepromenade, welches als Gasthaus unter diesem Namen seit 1840 existiert. Restaurantinhaber Barth weiss aus Erfahrung, dass dieser aussergewöhnliche Saal mit seiner rustikalen Schönheit besonders auf Gäste aus dem Ausland grosse Faszination ausübt. Dieser Speisesaal dürfte womöglich eines der wenigen übrig gebliebenen Zu- ger Architekturbeispiele seiner Art mit originaler Ausstattung aus dem 19. Jahrhundert sein.

Das Gebäude selbst hat seinen Ursprung im späten 16. Jahrhundert, wie der Zuger Historiker Christian Raschle weiss. Gemäss seinen Recherchen kam das Haus, welches zeitweise Heimstätte von Kupferschmieden war, um 1840 in den Besitz von Baumeister Xaver Stadler, welcher hier im selben Jahr das Restaurant Schiff eröffnete. 1874 ging der gesamte Besitz an seinen Nachkommen Josef Stadler über, der um 1899 den prächtigen Speisesaal einrichten liess.

Planender und ausführender Architekt war kein Geringerer als Dagobert Keiser senior (18471906). «Es war eine Zeit des Aufbruchs», führt Raschle aus. «Die Vorstadtkatastrophe von 1887 war soweit überwunden, der Tourismus blühte auf – erst recht mit der neuen Gotthardstrecke und der Erschliessung des Zugerbergs. Es kamen illustre Gäste aus aller Welt. Zug wurde international folglich immer mehr wahrgenommen.» Offenbar wollte Stadler angesichts dessen seinen Restaurantbetrieb fürs Auge aufwerten und liess im rückwärtigen Anbau diesen Saal errichten, vermutet der Historiker. Erich Barth hingegen weiss, dass in «seinem» Saal vermutlich die ersten Kinofilme in Zug gezeigt wurden.

Das Besondere und zugleich Erstaunliche ist, dass sich der Raum fast vollständig in seinem Originalzustand erhalten hat, wo man ja heutzutage so darauf bedacht ist, selbst Altes auf irgendeine Weise dem aktuellen Zeitgeist anzupassen. Dass der Speisesaal im Restaurant Schiff eine Ausnahme bildet, freut Christian Raschle. «Wichtig ist hier nicht der Zeitgeist von heute, sondern derjenige von damals. Und diesen strahlt der Saal aus.» Der holzvertäfelte Raum mit vermutlich originalem Fischgrätenparkett ist im sogenannten altdeutschen Stil gehalten. «Daraus ist später der Jugendstil hervorgegangen», erklärt Raschle. Eine Andeutung an diese Epoche findet man tatsächlich bereits in der Art der beiden Deckenlampen.

Interessant sind die Wandmalereien oberhalb der Wandverkleidungen. Sie stammen laut Inschrift von einem gewissen A. Kamer und zeigen Landschaftsmalereien wie Gebirge und Waldszenen auf der einen Seite und eine Ansicht des östlichen Zugerseeufers mit der neu erbauten Gotthardstrecke bei Walchwil und einer Gruppe von Segelbooten auf dem See auf der anderen Seite. Aus künstlerischer Sicht mögen die Malereien keinen besonderen Wert haben, wohl aber aus historischer, so Raschle. Die kleineren Gemälde an den Seitenwänden zeigen Stillleben mit Obst, und die vier Eckfelder der prächtigen Kassettendecke weisen Putten in unterschiedlichem Kontext auf. Ein integriertes Buffet und Glasfenster setzen weitere Akzente im Raum.

Bei den Glasmalereien lohnt es sich, genauer hinzusehen. Die Malereien der drei rechtsseitigen Fenster entstammen dem Atelier eines Huber-Stutz in Zürich, vermutlich der Gründer der heutigen Glas Mäder. Die Fenster tragen im oberen Teil jeweils ein Kantonswappen Luzern, Zug und Zürich. Unten sind Stillleben mit Speis und Trank zu sehen – teils mit Flaschen unverkennbar alkoholischen Inhalts, und sie sind etikettiert. «Versteckte Werbung», meint Christian Raschle amüsiert.

Andreas Fässler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach.

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