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14.12.2016 05:00

Als die Moderne ins Dorf einzog

  • 1931 wurde das «Grosshaus» gebaut – das Baar auch heute noch einen städtischen Anstrich mit Stil beschert. Bild: Stefan Kaiser (13. Dezember 2016)
    1931 wurde das «Grosshaus» gebaut – das Baar auch heute noch einen städtischen Anstrich mit Stil beschert. Bild: Stefan Kaiser (13. Dezember 2016)
BAAR ⋅ Die zweitgrösste Gemeinde im Kanton glänzt nicht gerade durch eine Vielzahl stilprägender Häuser. Doch das «Grosshaus» an der Dorfstrasse – erbaut von zwei Zuger Architekten – beweist, wie sich Urbanität mit dörflicher Tradition in Einklang bringen lässt.

Wer das erste Mal vor dem Haus an der Dorfstrasse 1 in Baar steht, ist sofort überrascht. Kein Wunder. Denn was da vor einem in die Höhe ragt, beeindruckt allein durch die schiere Wucht des Volumens. Bei genauerem Hinschauen dann beginnt einen die Fassade als raffiniertes architektonisches Ensemble zu faszinieren. Diese zitiert jene atemberaubende internationale Moderne der 1920/30er-Jahre, integriert gleichzeitig aber Elemente des dörflichen Heimatstils.

Sprich: Während die um die Ecke gebauten Sprossenfenster an die Dynamik von Industriebauten eines Walter Gropius – eines jener Gründerväter des Bauhausstils – erinnern, strahlen die schrägen Giebel sowie die rück- und seitwärtigen Fassaden die beschauliche Atmosphäre klassischer Bauernhäuser aus.

Absolute Glanzpunkte des «Grosshauses», das 1931 gebaut wurde, sind die kaskadenartigen Erker und der zentrale Turm. Letzterer scheint geradezu wie ein Spross der Moderne die Schräggiebel der Tradition aufzubrechen und in die Höhe zu schiessen. Die Kuppel auf dem Dach schliesslich ist der Clou des Wohn- und Geschäftshauses. Diese symbolisiert nicht nur das Selbstbewusstsein eines aufstrebenden Bürgertums. Der Zwiebelturm auf dem Dach des «Grosshauses» bildet auch ein städtebauliches Pendant zu jenem der rund 300 Meter entfernten St.-Martins-Kirche und signalisiert und verbindet so Anfang und Ende der Dorfstrasse.

Doch das «Grosshaus» der Zuger Architekten Dagobert Keiser (1879–1959) und Richard Bracher (1878–1954) – die als kongeniales Team mit ihren Gebäuden massgeblich das Zuger Stadtbild im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts prägten – stiess zuerst gar nicht auf die Gegenliebe der Baarer. Wie im Baarer Heimatbuch von 1997 nachzulesen ist, waren umfangreiche Abklärungen und Absprachen mit den Nachbarn und dem Einwohnerrat nötig, um das Bauprojekt aufgleisen zu können. Zum einen bedingte die Mennersche Liegenschaft, die im Besitz von Hans Wyss-Schaller war und auf die südwestliche Ecke der Parzelle verschoben wurde, eine Verlegung des Kirchwegs. Zum anderen fürchteten zahl­reiche Nachbarn, dass ihre Liegenschaften durch die relative Grösse des Neubaus abgewertet würden.

Auch war so manchem Baarer ein Dorn im Auge, dass sowohl die Bauherrschaft als auch die Architekten alle aus Zug stammten. Nicht zuletzt führte man ins Feld, dass das historische Baarer Rathaus in unmittelbarer Nachbarschaft angesichts des wuchtigen Neubaus mit vier Stockwerken und einem 25 Meter hohen Turm untergehen würde.

In einem Schreiben wettert die Vereinigung Pro Campagna, die Schweizerische Organisation zur Pflege ländlicher Bau- und Wohnkultur, regelrecht gegen den geplanten Modernismus. Wörtlich heisst es darin: «Wenn aber in Baar der mit Modeformen projektierte Wohn- und Geschäftsneubau neben das jetzige Rathaus gestellt würde, müsste Letzteres unfehlbar erdrückt werden und zur Bedeutungslosigkeit herabsinken.» Am Ende erhält das Baugesuch doch noch grünes Licht.

Denn die Ängste bewahrheiten sich nicht. Das «Grosshaus», durch die Kurve der Dorfstrasse vom Rathaus optisch getrennt und deshalb nicht störend, sorgt gerade für einen markanten baulichen Akzent im Zentrum neben dem historischen Rathaus. Und schafft so einen Dialog zwischen Moderne und Tradition. Zwischen Stadt und Dorf. Vielmehr irritiert da heute der klotzige Neubau der Zuger Kantonalbank im Ortsbild.

Für die beiden Architekten Dagobert Keiser und Richard Bracher war das Baarer «Grosshaus» der Beweis, dass sie etwa neben städtischen Grossprojekten wie dem Theater Casino, dem Neustadtschulhaus und dem kantonalen Verwaltungsgebäude am Postplatz auch ausserhalb der Stadt Zug erfolgreich sein konnten. Richard Bracher selbst schrieb im Zuger Neujahrsblatt von 1933: «Der Bau des Grosshauses zeugt von einem zuversichtlichen Optimismus der Ersteller in die Bedeutung und Entwicklung der Ortschaft Baar, wenngleich die heutigen Verhältnisse von der Weltcrisis überschattet sind und nicht rosig aussehen.»

Wolfgang Holz

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