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04.11.2015 00:00

Architektur wird eins mit Natur

  • Eine ausgeklügelte Begrünung und die elegante Architektur
der Fensterfabrik bilden ein ästhetisches Ganzes.
    Eine ausgeklügelte Begrünung und die elegante Architektur der Fensterfabrik bilden ein ästhetisches Ganzes. | Werner Schelbert / Neue ZZ
HAGENDORN ⋅ Ein durchdachtes Konzept, der Ästhetik verpflichtet: Heckenwände und eine Dachwiese lassen die Kulturlandschaft mit der Produktionshalle der Fensterfabrik in Hagendorn verschmelzen.

Fährt man dem Lauf der Lorze folgend auf der Frauentalerstrasse vom idyllisch gelegenen Zisterzienserinnenkloster Frauenthal nach Hagendorn, fällt zuerst eines auf: die Natur. Man wähnt sich in einer zauberhaften Landschaft, in deren Wäldern und Wiesen in den Morgenstunden Rehe weiden und sich am Abend Füchse gute Nacht sagen. Kurz vor Hagendorn staunt man nicht schlecht, wenn sich zur Rechten ganz unverhofft ein riesiger und doch ganz filigraner Industriebau ins Blickfeld schiebt und sich leise ins grüne Umland integriert: die Fensterfabrik Baumgartner.

Die Firma ist seit fünf Generationen an diesem Ort angesiedelt. 1825 als Schreinereibetrieb gegründet, spezialisierte sich das Unternehmen später auf die Produktion von Fenstern. Nach einem Neubau der Fertigungsanlage in den 1980er-Jahren fasste man ab 1999 deren Erweiterung ins Auge. Es war ein schwieriges Unterfangen, denn das am Rande von Hagendorn gelegene Firmenareal war auf drei Seiten entweder durch die dörfliche Bebauung oder ein Wäldchen begrenzt. Einziger noch bestehender Freiraum bot das im Westen anstossende Maisfeld. Dieses befand sich allerdings nicht nur ausserhalb der Bauzone, sondern war darüber hinaus Teil des geschützten Landschaftsraums der Lorzenebene, der im Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung aufgeführt ist. Es erklärt sich von selbst, dass in einer derart sensiblen Umgebung nur unter strengsten Auflagen und Rahmenbedingungen gebaut werden konnte und dass dabei architektonische und landschaftliche Kriterien gleichermassen berücksichtigt werden mussten.

Den ausgeschriebenen Wettbewerb konnten die Luzerner Architekten Niklaus Graber und Christoph Steiger zusammen mit dem Landschaftsarchitekten Stefan Koepfli für sich entscheiden. Und zwar mit einem Projekt, bei dem die Kulturlandschaft und nicht die bestehende Architektur zentraler Ausgangspunkt darstellte. Der von 2004 bis 2006 errichtete Neubau, der eine ­riesige Grundfläche in der Grösse von drei Fussballfeldern umfasst, fügt sich kontrastreich an die kleinteilige, ältere Struktur des Firmengeländes. Die Produktionshalle ist eingeschossig mit dreiseitig auskragendem Dach konzipiert. Die Hülle des individualisierten Systembaus besteht aus standardisierten, vorfabrizierten Stahlbauteilen. Dabei überrascht die sichtbare Stahlkonstruktion durch ihre optische Leichtigkeit: Wie ein Netz überfangen sich kreuzende und verstärkende Fachwerkträger die Stützen, die in einem regelmässigen Raster platziert sind. Die vertikalen Stützen definieren so einerseits die Aussenhülle und andererseits die ­innere Gliederung der offenen Produktionshalle. Das Gebäude wird auf den drei zur Landschaft hin orientierten Seiten von einer gerüstartigen, beinahe gebäudehohen Konstruktion aus Stahlprofilen und Lärchenholz umfriedet, welche die Formsprache der Dachkonstruktion übernimmt.

An Herbsttagen, wie wir sie vergangene Woche erlebten, versteckt sich die riesige Produktionshalle hinter bunten Heckenwänden. Am oben beschriebenen Gerüst nämlich ranken sich Pflanzen hoch. Diese erfreuen das Auge des Betrachters und schützen gleichzeitig das Gebäude vor neugierigen Blicken und Sonneneinstrahlung. Gleichsam Teil der Landschaft wird diese Vegetationswand Teil der Architektur, ein Konzept, das auf dem Dach seine Fortsetzung findet: Hier ist eine Streuwiese angepflanzt. Der ehemals auf dem Baugrund vorherrschende Wiesentyp wurde sozusagen einfach auf das Gebäude angehoben. Diese Begrünung ist geradezu prädestiniert für die Bepflanzung des jeder Witterung ausgesetzten Dachs, denn solche Wiesen gedeihen auf feuchten Böden und lieben wechselnde Wasserstände.

Auf die gärtnerische Pflege der Dachwiese wurde bewusst verzichtet; so konnte sich eine Feuchtwiese entwickeln, die sowohl Trockenheit als auch nasse Perioden problemlos übersteht. Im Sommer kühlt die Verdunstungskälte der Dachwiese das ­Gebäudeinnere, und Dachüberstand und der Lebhag spenden Schatten. Dank dieser genialen Lösung konnte auf die Kühlung und die künstliche Belüftung des Gebäudes gänzlich verzichtet werden. Niklaus Graber, Christoph Steiger und Stefan Koepfli erinnern sich: «Eine Dachbepflanzung und Vegetationswände in dieser Form waren ein Novum und mussten an Mustern erprobt werden. Dennoch blieb offen, wie sich die Begrünung schlussendlich entwickeln würde. Heute stellen wir fest, dass der Plan funktioniert hat.»

Die Produktionshalle der Fensterfabrik in Hagendorn fügt sich trotz ihrer beachtlichen Dimension beinahe unbemerkt in die umliegende Kulturlandschaft. Wie selbstverständlich schaffen der Lebhag und die Dachwiese einen fliessenden Übergang von der Natur zur Architektur. Oder umgekehrt.

Brigitte Moser

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