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15.06.2016 00:00

Auf Leitern über die Sihl

  • Die Flussstelle beim Suenersteg hiess im Volksmund einst «bei den Leitern» –
bezugnehmend auf den einstigen, gefährlichen Flussübergang.
    Die Flussstelle beim Suenersteg hiess im Volksmund einst «bei den Leitern» – bezugnehmend auf den einstigen, gefährlichen Flussübergang. | Bild Stefan Kaiser
MENZINGEN ⋅ Die stabile Eisenbrücke über die Sihl zwischen Menzingen und Schönenberg ist über 120 Jahre alt. Sie ersetzte seinerzeit einen wackeligen Steg, der mehr schlecht als recht unterhalten worden war.

Unlängst war an dieser Stelle von der Sihlbrücke bei Finstersee als wichtige Verbindung zwischen den Kantonen Zug und Zürich zu lesen. Für den «Fussverkehr» bestand in alter Zeit, spätestens ab dem frühen 17. Jahrhundert, weiter flussabwärts im Gebiet des heutigen Restaurants Sihlmatt eine weitere Flussüberquerung, als «Wisserlensteg» und später – wohl leicht versetzt – auch als «Hafnersteg» überliefert. Schliesslich erhielt der Übergang den Namen «Suenersteg», benannt nach dem dortigen Hof auf Schönenberger Seite. Diese Sihlbrücke existiert bis heute unter dieser Bezeichnung.

Es ist überliefert, dass an diesem Flussabschnitt stets ein unzureichend gesicherter Steg existiert hat, weil weder der Kanton Zürich noch die Behörden auf Zuger Seite willens waren, für eine ordentliche Brücke aufzukommen. Nicht zuletzt fürchtete man, dass hier die Leute versuchen würden, den Zoll bei der Brücke in Sihlbrugg zu umgehen. Mehr schlecht als recht wurde die Verbindung bei der Sihlmatt in Stand gehalten. Und immer wieder wurde der Steg von einem Hochwasser oder wegen der Flösserei zerstört, und es dauerte jeweils längere Zeit, bis jemand sich die Mühe nahm, ihn wieder herzustellen. Meist handelte es sich ohnehin lediglich um eine bessere Furt als um einen Steg, geschweige denn um eine Brücke. Üblicherweise wurden Leitern von Stein zu Stein über den Fluss gelegt, auf die je ein Holzladen zu liegen kam. Wer so das Wasser überqueren wollte, brauchte Mut und Balance – und musste dem jeweiligen «Brückenwart» ein Brückengeld zahlen! Abends entfernten die beiden Brückenwarte die Leitern, damit nicht etwa nachts jemand «schwarz» über den Suenersteg gehen würde. Im Volksmund nannte man die Flussstelle zwischen Unterschwand und Suhner «bei den Leitern».

Allmählich aber wuchs das Bedürfnis der Anwohner nach einem sicheren Übergang, der auch für kleinere Fuhrwerke geeignet sein sollte. Erste Bemühungen kamen in den 1870er-Jahren aus der Gemeinde Menzingen. Doch auf kantonaler Ebene war kein Interesse da, dieses Projekt zu unterstützen, und Menzingen alleine konnte die Kosten nicht tragen. In einem weiteren Anlauf scheiterte Menzingen abermals. Doch 1893 schliesslich konnte Menzingen mit Unterstützung der Gemeinde Schönenberg die kantonalen Behörden beidseits des Flusses von der Notwendigkeit einer neuen Brücke überzeugen. Ende 1894 wurde ein Vertrag unterschrieben, wonach die beiden Gemeinden sowie die beiden Kantone gemeinsam die Kosten für die neuen Brücke tragen. Diese beliefen sich genau auf 10 971.62 Franken. Die Aufteilung war folgendermassen: Der Kanton Zug und die Gemeinde Menzingen bezahlten je einen Drittel, der Kanton Zürich einen Fünftel und die Gemeinde Schönenberg einen Zehntel der Kosten. Was offenblieb, wurde mit freiwilligen Geldspenden gedeckt. Für den Unterhalt sollte die Gemeinde Menzingen aufkommen, doch hatte Schönenberg diese finanziell zu unterstützen. Im Folgejahr wurde die neue Brücke etwa 25 Meter flussaufwärts des zuvor existierenden «Leiter»-Stegs errichtet – genau so, wie sie heute noch besteht. Knapp 45 Meter lang und 2 Meter breit ist die Eisenkonstruktion, die in der Mitte auf einem steinernen Pfeiler ruht.

Durch den Bau des Suenerstegs verschwand der einstige Hafner- beziehungsweise «Leiter»-Steg, dessen Zufahrten aufgrund seiner Lage ohnehin nie ausreichend hätten ausgebaut werden können, aus dem Landschaftsbild und geriet vollends in Vergessenheit.

Andreas Faessler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach. Frühere Beiträge finden Sie unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

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