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01.04.2015 00:00

Augentäuschung im Verkehr

  • Die eindrucksvolle Fassadenmalerei am Haus Neugasse 26 geht angesichts des Verkehrs ein wenig unter
    Die eindrucksvolle Fassadenmalerei am Haus Neugasse 26 geht angesichts des Verkehrs ein wenig unter | Maria Schmid / Neue ZZ
ZUG ⋅ Zur einst beschaulichen Neugasse hin war die Fassadenmalerei am Haus Nummer 26 ein offensichtlicher Blickfang. Welch grossartiges Trompe-l’oeil! Heute überrascht der Glanz von damals völlig unverhofft im Stadtverkehr.

Stark befahren ist sie, eng und laut: die Neugasse. Sie ist kein Ort zum Verweilen. Vielmehr ist die Strasse zum Nadelöhr für den immer dichter werdenden Verkehr geworden. Gönnt man sich dennoch einen Moment der Musse, um stehen zu bleiben und den Blick an den Hausfassaden nach oben schweifen zu lassen, entdeckt man Verblüffendes: bunte Zeugen aus vergangener Zeit, die von Hausgeschichten und der Stadtgeschichte erzählen!

Ein beeindruckendes Beispiel findet sich am Haus «Zum wilden Mann» an der Neugasse 26, das seinen Namen dem kleinen, 1489 angebrachten Relief über der Tür verdankt. Die strassenseitige Fassade ist prächtig ausgestaltet. Als Erstes sticht einem eine kleine Wandmalerei von inniger Schönheit ins Auge: das Gnadenbild Mariahilf. Es ist zwischen den beiden Fenstern im zweiten Obergeschoss angebracht. Dargestellt ist Maria mit dem Christuskind in einem Medaillon, um das sich eine bekrönte Manteldrapierung schmiegt. Erst auf den zweiten Blick stellt man verwundert fest, dass es sich hierbei nicht um das einzige Gemälde an dieser Wand handelt. Vielmehr ist das Gnadenbild strahlendes Zentrum einer nicht minder strahlenden, fassadenfüllenden Wandmalerei. Die scheinbar plastisch modellierten, architektonischen Zierelemente der Fassade sind nämlich ebenfalls gemalt und treten als sogenannte Trompe-l’oeils (Augentäuschungen) in Erscheinung. Sie schmeicheln dem Auge und täuschen es zugleich. Die in einem warmen Sandton und in abgestuften Grautönen gemalten Eckquadrierungen, Fensterübergiebelungen und Fenstergesimse sind nicht nur schmuck anzusehen, sondern sie geben raffiniert die gebaute Architektur vor. Besonders hübsch: Die vermeintlich vorstehenden Elemente werfen Schatten, natürlich ebenfalls gemalte.

Sowohl das Gnadenbild Mariahilf als auch die Scheinarchitektur wurden 1774 von unbekannter Hand gemalt (heutiger Zustand nach der partiellen Restaurierung von 2010). Vielleicht hat Schneider Brandenberg, der 1770/71 als Hausbesitzer bezeugt ist, die Malerei in Auftrag gegeben. Sicher ist indes, dass die Fassadenmalerei in ihrer Art und Weise nicht auf den Durchgangsverkehr abzielt, sondern von Betrachtern ausgeht. Die schon in der Antike belegte Tromp-l’oeil-Malerei blühte in der Renaissance insbesondere in Form von Scheinarchitektur – wieder auf und erfreute sich besonders im Barock grosser Beliebtheit. Sie symbolisierte Status und Präsenz und wollte also wahrgenommen werden.

Es ist heute kaum mehr vorstellbar, dass die Neugasse noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein eine beschauliche, vergleichsweise breite Strasse war: ein kaum befahrener, von Gewerbe und Ladenlokalen geprägter Ort der Begegnung. Die Neugasse wurde 1478 planmässig angelegt. Damit entstand quasi ein neuer Stadtteil, der zugleich das Kernstück der erst 1528 abgeschlossenen Stadterweiterung wurde. «Die Gründe für diesen plötzlichen Expansionsdrang sind nach wie vor unbekannt», sagt Stadtarchivar Thomas Glauser. «Es fällt aber auf, dass sich an der Neugasse vor allem Handwerker und Gewerbetreibende aus dem städtischen Untertanengebiet niederliessen. Diese erhielten von der Stadt zum Teil grosszügige Kredite, um sich hier ein Haus bauen zu können», so Glauser weiter. Schriftquellen und archäologische Befunde belegen, dass die Parzellen entlang der Neugasse innerhalb von wenigen Jahren bebaut wurden. Die «nüwe stras», wie sie im 15. Jahrhundert noch hiess, blieb bis zum Bau der Kantonsstrasse nach Baar im Jahr 1840 weitgehend frei von Durchgangsverkehr.

In Zug gibt es einige solcher Fassadenmalereien wie jene an der Neugasse 26, und oft sind sie an heute unerwarteten und gerne übersehenen Orten angebracht. Einmal entdeckt, verblüffen sie und erzählen ganz unverhofft ein Stück Kulturgeschichte

Brigitte Moser

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach.

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