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Damit die Wände leben

Quido Sens «Luftleiter» als Antwort auf die gesichtslose Strenge eines Gebäudekomplexes: Ohne sie wäre der schattige Winkel an der Gubelstrasse ein sprichwörtlich toter Winkel.
30.12.2015 | 00:00

Sie erhebt sich hinter einer Hecke gegen den Himmel und ist an zwei Hauswänden befestigt. Ihre Sprossen enden, bevor sich die Seile zwei unterschiedliche Richtungen suchen. Trotz ihres wenig exponierten Standortes hat wohl jeder die «Luftleiter» an der Gubelstrasse schon mal gesehen, ist es doch eine ziemlich stark frequentierte Verbindungsachse zwischen Industrie- und Baarerstrasse.

Das Haus Gubelstrasse 11 würde ohne das Objekt keinem ins Auge fallen. Der nüchterne Bau mit einheitlicher Fassade aus Keramikplatten an der Ecke Gubel-/Lauriedstrasse weist im Winkel der zwei aufeinandertreffenden Aussenwände eine Freifläche auf, die durch ihre schattige Lage kaum wahrgenommen wird. Um diesen ansonsten «toten Winkel» künstlerisch zu beleben, lancierten der Architekt der Liegenschaft, Paul Weber, und das Zuger Baugeschäft Hodel im Jahre 1992 einen Wettbewerb für ein Kunstprojekt am Bau, den der Baarer Künstler Quido Sen für sich entschied. Für den seit 1988 freischaffenden Künstler, gebürtiger Tscheche aus Mährisch Ostrau, war dies der erste Auftrag für Kunst am Bau.

Die Installation ist Y-förmig, ockerfarbene Stahlseile halten die zwölf Sprossen aus Fichtenholz zusammen und fixieren die am Boden verankerte Leiter von oben, indem sie doppelläufig je an die unterschiedlich hohen Gebäudewände verlaufen und dort fixiert werden.

Quido Sens Absicht war, mit seiner Luftleiter durch eine leicht wirkende Installation die strenge Geometrie der Hausfassade und deren dadurch entstehende Trägheit zu durchbrechen und dem unscheinbaren Ort einen Blickpunkt zu geben. Die Installation ist dabei nicht als «Trotzobjekt» gegenüber den leblosen Wänden zu verstehen, die etwa die untergeordnete Funktion als Kulisse ausüben sollen. Vielmehr bezieht die Luftleiter die geometrisch gegliederten Flächen mit ins Gesamtbild ein, belebt sie durch die nicht parallel verlaufenden Linien und unterschiedlichen Winkel, die aus ihrer schrägen Lage resultieren. Ein weiterer Kontrast entsteht durch die Leichtigkeit und Fragilität, die der Luftleiter angesichts der wuchtigen hellgrauen Flächen innewohnt.

Als die Luftleiter installiert wurde, war die hüfthoch ummauerte Brache im Gebäudewinkel nur sehr niedrig begrünt, und das Kunstwerk war in seiner Vollgestalt sichtbar. Heute wachsen am Flächenrand übermannshohe Büsche, welche das untere Drittel der Luftleiter hinter sich verbergen, ihr somit etwas von ihrer Dominanz rauben und die Wirkung drosseln. Dennoch erfüllt die Installation ihre Bestimmung allein durch die auffällige Farbgebung der Stahlseile, wodurch die gesichtslose Gebäudewand ihre graue Tristesse nach wie vor verliert.

Andreas Faessler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach. Frühere Beiträge finden Sie unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

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