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08.03.2017 07:59

Das Zeichen einer unerfüllten Liebe

  • «mater maria» lautet die kleine Inschrift an einem der Quadersteine am Turm der St.-Oswalds-Kirche. Keiner kennt deren Ursprung oder Hintergrund. Mit seiner Erzählung hat der Zuger Autor Max Huwyler den beiden Worten eine Identität gegeben.
    «mater maria» lautet die kleine Inschrift an einem der Quadersteine am Turm der St.-Oswalds-Kirche. Keiner kennt deren Ursprung oder Hintergrund. Mit seiner Erzählung hat der Zuger Autor Max Huwyler den beiden Worten eine Identität gegeben. | Bild: Werner Schelbert (3. März 2017)
  • Der Schriftzug.
    Der Schriftzug. | Bild: Werner Schelbert (3. März 2017)
ZUG ⋅ Hat sich an der St.-Oswalds-Kirche ein Steinmetz mit gebrochenem Herzen verewigt? Der Zuger Autor Max Huwyler hat einer unauffälligen Inschrift unbekannter Herkunft eine Identität gegeben. Mit einer rührenden Erzählung.

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

An mehreren historischen Gebäuden im Kanton Zug – insbesondere an Sakralbauten – finden wir geheimnisvolle Symbole und Zeichen, deren Bedeutungen nicht endgültig geklärt sind. Von einigen war an dieser Stelle schon berichtet worden, etwa von mysteriösen Gesichtern aus Stein, welche in die Mauer eingelassen sind – am Chamer Kirchturm oder an der Fassade der reformierten Kirche in der Stadt Zug.

Ein weiteres Beispiel, das uns ein Steinmetz einst hinterlassen hat, entdeckt der aufmerksame Passant an der Nordseite des Glockenturms der St.-Oswalds-Kirche in Zug: Mit verhältnismässig kleinen Buchstaben sind im neunten Quaderstein am Sockelgeschoss – auf einer geschätzten Höhe von 4 Metern – in gotischer Frakturschrift die Worte «mater maria» zu lesen, das M jeweils leicht ausstilisiert. Man kennt weder Ursprung noch Hintergrund dieser Inschrift. Hat hier jemand zu Ehren der Gottesmutter diese Zeichen gesetzt? Oder aus Verzweiflung? Und warum ausgerechnet an dieser Stelle? Nichts von dem lässt sich beantworten.

Um dieser kleinen Besonderheit aber dennoch ein Gesicht, eine Identität, einen Sinn zu geben, hat der Zuger Autor Max Huwyler eine Geschichte dazu verfasst. Sie ist im Zuger Neujahrsblatt von 1996 gemeinsam mit anderen Sagen publiziert worden und sei hier nacherzählt. Die Geschichte, so setzt Huwyler an, handelt um 1475, als in Zug viele fremde Steinmetzarbeiter weilten. Eine fröhliche Gruppe von ihnen – sie waren zu der Zeit mit dem Bau der Kirche St. Wolfgang beschäftigt – sass an der Zuger Kirchweih an einem Tisch und war ausgelassen. Ihre Fröhlichkeit war den ernsten Stadtzugern reichlich suspekt. Auch der jungen Bürgerstochter Maria Schell fielen die Gesellen auf. Einer von ihnen weckte ihre Aufmersamkeit besonders stark, und sie blickte ihn wiederholt an. Dieser merkte es freilich und erwiderte die Blicke. Marias Begleiter, dem Franz, gefiel das gar nicht. Er nahm sie an sich und tanzte mit ihr, sodass sie zu nichts anderem mehr kam. Dann rief Vater Schell seine Tochter, es sei jetzt Zeit, heimzugehen. Bald darauf machten sich auch die Steinmetze auf den Weg zurück nach Hünenberg. Der nächste Arbeitstag würde wieder hart werden.

Etwa vier Jahre später – die Oswaldskirche stand nun mitten im Bau – war Maria Schell auf einem Hof oberhalb der Stadt, um für ihren Vater etwas zu besorgen. Am Abend dieses Tages war einer der Steinmetzgesellen auf dem Weg bergwärts. Von oben wollte er einen Augenschein nehmen, wie das Werden der Kirche vorangeht, wie aus ihren Grundrissen allmählich ein Baukörper wird. Der Steinmetzgeselle war nämlich stolz auf seine Arbeit, jeden gemeisselten Stein sah er als unverzichtbaren Teil eines Ganzen, er hatte das Auge eines Baumeisters.

Dann kam ein Mädchen an ihm vorbei, er grüsste kurz aus Gewohnheit. Doch dann schaute er dem Mädchen nach, von seinen Gedanken an die Kirche abgekommen. Auch das Mädchen drehte sich leicht nach ihm um, blieb stehen und wandte sich schliesslich ganz zum Gesellen hin. Sie blickten sich an, schwiegen. Beide wussten, dass sich ihre Blicke vor vier Jahren schon getroffen hatten. Und sie hatten einander nie vergessen. Fortan trafen sich beide Abend für Abend oberhalb der Stadt, wo sie niemand sehen konnte. Aber geheim blieb ihre aufflammende Liebe dennoch nicht. Auch der Vater von Maria kriegte Wind davon und war empört, denn eine Bürgerstochter aus angesehenem Hause soll schliesslich kein «Gschleik» mit einem haben, von dem man ohnehin nicht wisse, ob er nicht eines Tages wieder von der Bildfläche verschwunden sei.

Der Geselle war verzweifelt ob der verhinderten Liebe, betete zur heiligen Anna und zur Mutter Maria. Es nützte nichts, Vater Schell blieb hart. Die Geschichte machte in der Stadt die Runde, der Geselle traute sich kaum noch an die Öffentlichkeit. Und dann stellte sich noch heraus, dass Maria guter Hoffnung war. Da kannte Vater Schell keine Gnade mehr: Der Geselle hatte sofort die Stadt zu verlassen. In der Nacht vor seinem befohlenen Wegzug ging er zum Werkplatz, nahm den Quader, den er zuletzt gehauen hatte, und meisselte unter Tränen der Wut und Trauer die beiden Worte «mater maria» in den Stein, welche so einen doppelten Sinn hatten. Am nächsten Tag verliess der Geselle die Stadt. Sein Stein wurde ins Mauerwerk eingesetzt.

So erinnert die Inschrift bis heute an den unbekannten Gesellen, von dem nichts überliefert ist. Maria Schell, so schliesst Max Huwylers Geschichte, heiratete Franz, und schon bald gebar sie ein Kind, das nach der Mutter den Namen Maria bekam.

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