Home
04.02.2015 00:00

Das barocke Schalentier

  • Symmetrisch und formschön: Das Muschelmotiv an der Zuger Hauptpost ist der Barockarchitektur entlehnt.
    Symmetrisch und formschön: Das Muschelmotiv an der Zuger Hauptpost ist der Barockarchitektur entlehnt. | Stefan Kaiser / Neue ZZ
ZUG ⋅ An der Fassade der Hauptpost fällt ein besonderes Zierelement auf, das man in unserer Region sehr selten an Gebäuden antrifft. Es hat einen spannenden Hintergrund.

Die Zuger Hauptpost, errichtet um 1900, gehört zweifelsohne zu den prächtigsten Bauten in der Region. Das stattliche Palais mit überkuppeltem Mittelrisalit bedient sich architektonisch historischer Baustile, hauptsächlich des Barocks. Ein bestimmtes Merkmal fällt an der vornehm gegliederten Fassade besonders auf, nämlich die bemerkenswerten Fensterbekrönungen der so genannten Beletage, dem betont repräsentativ gehaltenen ersten Obergeschoss. Es handelt sich um ein Muschelmotiv in auffallend ausgeprägter Form. Alle neun Fenster der Schauseite weisen es auf. Die Muschel war vor allem im Barock ein sehr beliebtes Sujet, zumal allein der Begriff des Barocks eng mit diesem Schalentier in Zusammenhang steht: «Barock» leitet sich ab von «barocco», einem Ausdruck der portugiesischen Sprache, der für eine ungleichmässig geformte Perle steht, das Erzeugnis einer Muschel. Soweit mal ein formeller Kontext.

Die Bedeutung der Muschel aber geht viel weiter zurück es handelt sich um ein altes christliches Symbol. Sie war Sinnbild für das Grab Jesu, welche den Leichnam des Herrn, die «wertvolle Perle», schützend umgibt. Erst durch die Kraft der Auferstehung konnte die massive Schale gesprengt werden. Die Muschel fand somit als Auferstehungssymbol seit alters her Einzug in die christliche Kunst. Pilger trugen auf ihrem Weg zum heiligen Grab Muscheln an den Gewändern. Ihr Schutzpatron, Jakobus der Ältere, wird denn auch fast immer mit einem Muschelmotiv dargestellt. Somit erklärt sich auch die Bezeichnung «Jakobsmuschel». In Kirchen findet man das Motiv häufiger als man auf den ersten Blick ausmachen kann. Sei es als Stuckatur, als Malerei oder häufig auch als Oberteil einer Nische für eine Heiligenfigur, beispielsweise als Teil des architektonischen Konzepts eines Hochaltars.

Die Architekten des Barocks jedoch entdeckten die Muschel hauptsächlich als reines Dekorationselement für sich, ihre religiöse Bedeutung dürfte dabei kaum mehr eine Rolle gespielt haben. Johann Bernhard Fischer von Erlach und Johann Lucas Hildebrandt, zwei der bedeutendsten Barockarchitekten, haben das Muschelmotiv besonders gerne verwendet, sowohl für die Fassadengestaltung als auch für das Interieur. Nicht zuletzt eignet sich die Muschelform hervorragend als Zierelement aufgrund ihrer symmetrischen Natur, wo ja der Barockstil weitgehend auf dem Prinzip der Symmetrie beruht. Spannend ist die Entwicklung zum Rokoko. Hier werden die Regeln der Symmetrie deutlich gebrochen. Das Motiv der Muschel wird da zwar weiterhin gern verwendet, aber meist in verzogener, unregelmässiger Form. Mit strenger Gleichmässigkeit aber präsentieren sich die Muschelschalen über den Fenstern der Zuger Hauptpost. Dies zeigt deutlich, dass sich die Formgebung hier auf den Barock bezieht.

Andreas Fässler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach.

Kommentare

Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!

Meist gelesene Artikel

Stau auf der Seebrücke in der Stadt Luzern.
VERKEHR

Luzern – eine unerreichbare Stadt?

Der tödliche Unfall ereignete sich im Sonnenbergtunnel in südlicher Fahrtrichtung.
STADT LUZERN

Cabriolet-Fahrer stirbt nach Unfall im Sonnenbergtunnel

Die ersten Pirouetten auf dem Eisfeld beim KKL können ab Samstag gedreht werden.
LUZERN

Vorweihnächtliches Angebot: Vier Märkte, ein Eisfeld und Besinnliches

Die Zuger Marisa Gnos und Oliver Müller in der Kategorie Sie und Er (links). Simon Stalder vom TV STV Rickenbach (oben) am Barren und Nicole Strässle vom BTV Luzern am Boden.
GERÄTETURNEN

Schweizer Meisterschaften: «Wahnsinnig, diese Innerschweizer»

Am Montag folgte die Replik von Walkers Verteidiger, Linus Jaeggi (links).
URI

Fall Walker: Verteidiger zieht Kronzeugin in Zweifel – Oberstaatsanwalt schiesst zurück

Stéphanie Berger, hier an einem letztjährigen Auftritt in Hergiswil, sagt ihre Show in Luzern aus gesundheitlichen Gründen ab.
LUZERN

Stéphanie Berger sagt Auftritt in Luzern ab

«Bei allem Respekt für die FDP» bedaure sie den Abbruch der Sondierungsgespräche durch die Liberalen, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Nacht auf gestern in einer Erklärung der Unionsparteien.
DEUTSCHLAND

Merkel gibt sich nicht geschlagen

Russland hat nunmehr die internationalen Befürchtungen bestätigt, dass es an zahlreichen Messstationen des Landes extrem hohe Werte von radioaktiver Strahlung gab. (Archivbild)
UMWELT

Russland bestätigt radioaktive Verseuchung

Das Schlössli Utenberg in Luzern.
UTENBERG

Schlössli soll seinen Wert halten

Eine Patrouille der Luzerner Polizei: Laut dem Kommandanten braucht es mehr Personal.
LUZERNER POLIZEI

Das Polizeikorps wächst nicht gleich schnell wie unsere Bevölkerung

Zur klassischen Ansicht wechseln