ZUG

Das barocke Schalentier

An der Fassade der Hauptpost fällt ein besonderes Zierelement auf, das man in unserer Region sehr selten an Gebäuden antrifft. Es hat einen spannenden Hintergrund.
04.02.2015 | 00:00

Die Zuger Hauptpost, errichtet um 1900, gehört zweifelsohne zu den prächtigsten Bauten in der Region. Das stattliche Palais mit überkuppeltem Mittelrisalit bedient sich architektonisch historischer Baustile, hauptsächlich des Barocks. Ein bestimmtes Merkmal fällt an der vornehm gegliederten Fassade besonders auf, nämlich die bemerkenswerten Fensterbekrönungen der so genannten Beletage, dem betont repräsentativ gehaltenen ersten Obergeschoss. Es handelt sich um ein Muschelmotiv in auffallend ausgeprägter Form. Alle neun Fenster der Schauseite weisen es auf. Die Muschel war vor allem im Barock ein sehr beliebtes Sujet, zumal allein der Begriff des Barocks eng mit diesem Schalentier in Zusammenhang steht: «Barock» leitet sich ab von «barocco», einem Ausdruck der portugiesischen Sprache, der für eine ungleichmässig geformte Perle steht, das Erzeugnis einer Muschel. Soweit mal ein formeller Kontext.

Die Bedeutung der Muschel aber geht viel weiter zurück es handelt sich um ein altes christliches Symbol. Sie war Sinnbild für das Grab Jesu, welche den Leichnam des Herrn, die «wertvolle Perle», schützend umgibt. Erst durch die Kraft der Auferstehung konnte die massive Schale gesprengt werden. Die Muschel fand somit als Auferstehungssymbol seit alters her Einzug in die christliche Kunst. Pilger trugen auf ihrem Weg zum heiligen Grab Muscheln an den Gewändern. Ihr Schutzpatron, Jakobus der Ältere, wird denn auch fast immer mit einem Muschelmotiv dargestellt. Somit erklärt sich auch die Bezeichnung «Jakobsmuschel». In Kirchen findet man das Motiv häufiger als man auf den ersten Blick ausmachen kann. Sei es als Stuckatur, als Malerei oder häufig auch als Oberteil einer Nische für eine Heiligenfigur, beispielsweise als Teil des architektonischen Konzepts eines Hochaltars.

Die Architekten des Barocks jedoch entdeckten die Muschel hauptsächlich als reines Dekorationselement für sich, ihre religiöse Bedeutung dürfte dabei kaum mehr eine Rolle gespielt haben. Johann Bernhard Fischer von Erlach und Johann Lucas Hildebrandt, zwei der bedeutendsten Barockarchitekten, haben das Muschelmotiv besonders gerne verwendet, sowohl für die Fassadengestaltung als auch für das Interieur. Nicht zuletzt eignet sich die Muschelform hervorragend als Zierelement aufgrund ihrer symmetrischen Natur, wo ja der Barockstil weitgehend auf dem Prinzip der Symmetrie beruht. Spannend ist die Entwicklung zum Rokoko. Hier werden die Regeln der Symmetrie deutlich gebrochen. Das Motiv der Muschel wird da zwar weiterhin gern verwendet, aber meist in verzogener, unregelmässiger Form. Mit strenger Gleichmässigkeit aber präsentieren sich die Muschelschalen über den Fenstern der Zuger Hauptpost. Dies zeigt deutlich, dass sich die Formgebung hier auf den Barock bezieht.

Andreas Fässler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach.

Artikel zum Thema
Weitere Artikel