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06.05.2015 13:00

Das verschupfte Kapellchen

  • Hier stand die Wegkappelle einst: an der Ecke Kirchenstrasse/Zugerbergstrasse. Im Hintergrund die 1902 eingeweihte neue Pfarrkirche St. Michael.
    Hier stand die Wegkappelle einst: an der Ecke Kirchenstrasse/Zugerbergstrasse. Im Hintergrund die 1902 eingeweihte neue Pfarrkirche St. Michael. | pd
  • Beim «Rosenhof» hat die Wegkapelle St. Karl Borromäus 1909 ihren endgültigen Platz gefunden. | Bilder Maria Schmid/PD
ZUG ⋅ Eine Wegkapelle stellt zweimal ein Hindernis dar. Sie wird nicht abgerissen, sondern verschoben. Zum Glück, denn architektonisch ist sie eine kleine Besonderheit.

Andreas Fässler

Die Wegkapelle war im Weg. Und das mehr als einmal. Heute fällt sie fast keinem mehr auf. Aber immerhin hat sie die Zeit überdauert und ist nicht etwa abgebrochen worden. Zum Glück. Schliesslich ist die Kapelle St. Karl Borromäus eine der wenigen ihrer Bauart in der Umgebung, wenn nicht gar die einzige.

Doch alles von vorn. Die Geschichte des Kapellchens beginnt um 1615. Genau ein Jahr vor dem ebenfalls dem heiligen Karl Borromäus geweihten Salesianumskirchlein an der Artherstrasse («Hingeschaut!» vom 26. November 2014) wurde unweit des Pulverturms der erste Wegkapellenbau errichtet. Die Verehrung dieses lombardischen Heiligen, welcher Überlieferungen zufolge auch nach Zug gekommen ist, war besonders zur damaligen Zeit in der Innerschweiz weit verbreitet. Möglicherweise war die Verehrung durch die 1611 im Land grassierende Pestepidemie angetrieben worden, da Karl Borromäus als Pestheiliger gilt.

Im Jahre 1827 wurde das Kapellchen abgerissen und im zeitgemässen Stil des Klassizismus neu errichtet. Es stand an der Ecke Zugerbergstrasse/Kirchenstrasse und bot Vorbeikommenden an dieser exponierten Stelle Gelegenheit, einen Moment andächtig innezuhalten. Dem Bau der Zuger Berg- und Strassenbahn (ZBB), die im Mai 1907 ihren Betrieb aufnahm, stand die Karl-Borromäus-Kapelle im Weg. Unter der Aufsicht von Bauunternehmer Johann Landis (1860–1936) wurde das Kapellchen auf die andere Seite des Pulverturms verschoben auf das Grundstück von Franz Vital Lusser (1849–1927). Der Urner Bauingenieur hatte durch die Ausführung bedeutender Bahnprojekte, mitunter des Gotthardtunnels, ein grosses Renommee erlangt. 1899 hatte er sich im alten Herrensitz zum Frauenstein niedergelassen und erwarb später ein Grundstück an der Zugerbergstrasse. Und auf diesem kam die Wegkapelle also zu stehen.

Doch sollte es nicht ihr endgültiger Standort sein. 1909 liess sich Lusser auf seiner Parzelle vom einflussreichen Zürcher Architekturbüro Pfleghard & Haefeli eine Villa erbauen – den «Rosenhof». Für dieses Projekt war die Wegkapelle erneut hinderlich. Aber einmal mehr war man ihr wohlgesonnen und versetzte sie an einen anderen Platz auf Lussers Grundstück. Es war nun der endgültige heutige Standort an der nördlichen Ecke der Liegenschaft Rosenhof.

Bei der Wegkapelle St. Karl Borromäus von 1827 handelt es sich um einen klassizistischen Kuppelbau mit abschliessender Laterne, heute ist die Rotunde mit einem gelben Rauputz verkleidet. Der Portalvorbau trägt auf zwei toskanischen Säulen einen Dreiecksgiebel mit dem Auge Gottes. Ein Blick ins Innere lohnt sich: Da steht ein hölzerner Altar mit einem eindrucksvollen Aufbau, der für Wegkapellen mit Bildstockfunktion erstaunlich aufwendig gearbeitet ist. Sechs korinthische Säulen tragen einen bis fast in die Kuppel ragenden Baldachinaufsatz über der Muttergottes mit Kind. Das Kuppelinnere weist goldene Sterne auf blauem Grund auf, Inbild des Firmamentes.

Schön, hat man auf das Kapellchen Rücksicht genommen, obschon es mehr als einmal ein Hindernis war. Auch wenn es seinen endgültigen Platz an einer weit weniger beachteten Stelle gefunden hat, so besteht in absehbarer Zeit wenigstens kaum eine Gefahr mehr, dass es wieder irgendeinem Zuger Bauprojekt im Weg rumsteht.

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach.

 

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