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25.02.2015 00:00

Der Mörtel mit Spezialeffekt

  • Die Steinmauer mit dem Rasa-Pietra-Verputz stammt aus dem 14. Jahrhundert. (© Stefan Kaiser / Neue ZZ)
    Die Steinmauer mit dem Rasa-Pietra-Verputz stammt aus dem 14. Jahrhundert. | Stefan Kaiser / Neue ZZ
RISCH ⋅ An der Pfarrkirche St. Verena finden wir ein sichtbares Überbleibsel aus dem 14. Jahrhundert eines von besonderer Machart.

Viele Kirchen im Kanton Zug sind mittelalterlichen Ursprungs. Doch oft ist davon wenig mehr zu sehen, da die Gebäude im 17. und 18. Jahrhundert teils noch später – jeweils stilistisch dem Zeitgeschmack angepasst worden sind. Die Bauteile aus dem Mittelalter wurden meist verdeckt, um ein einheitliches Erscheinungsbild zu erlangen. Nicht so bei der St.-Verena-Kirche in Risch. Zwar stammt das heutige barocke Bauwerk hauptsächlich aus der Zeit um 1680, doch der Glockenturm stammt aus früherer Zeit. Er ist wahrscheinlich zwischen 1300 und 1320 an die romanische Vorgängerkirche («ecclesia rishe») aus dem 12. Jahrhundert hinzugebaut worden. Während Chor und Kirchenschiff – für die Zeit des Barock typisch – mit weissem Verputz ummantelt sind, ist das rund 700 Jahre alte Mauerwerk des Turms bis unter die Schallöffnungen des Glockenstuhls sichtbar belassen.

Interessant ist die Machart dieses archaischen Sichtmauerwerks. Es ist obwohl zur Zeit der Hochgotik entstanden – eindeutig noch dem romanischen Baustil verpflichtet und besteht aus Bruch- und Bollensteinen. Letztere haben ihre rundliche Form durch Gletscherbewegungen oder Wassereinwirkung erhalten, während Bruchsteine – wie der Name es sagt – hauptsächlich durch Felsabbrüche oder Gewinnung in Steinbrüchen entstanden sind. In einem ausführlichen Band über mittelalterliche Kirchen im Kanton Zug beschreibt der Kunsthistoriker Peter Eggenberger dieses in romanischer Bautechnik errichtete Mauerwerk am Turm der Rischer Pfarrkirche: Wohlausgesuchte und dicht an dicht liegende Steine sind hier lagengerecht eingefügt. Damit beispielsweise ein länglicher Bruchstein nicht höher ist als sein benachbarter Bollenstein, wurde ersterer schräg eingesetzt. Folglich entstand eine gleichmässig hohe Steinlage. Stellen in der Mauer, bei der mehrere solcher schräg liegenden Bruchsteine eingesetzt sind, weisen zuweilen ein fischgrät- oder ährenartiges Muster auf, wie Eggenberger es treffend beschreibt. Und tatsächlich ist das bei der Rischer Kirche auch schön erkennbar.

Verstärkt wird dieser Effekt durch den aus Sand und Kalk bestehenden Mörtel, welcher die teils recht grossen Lücken zwischen den unterschiedlich geformten Steinen ausfüllt. Dies ist eine für mittelalterliche Bauten typische Technik sie nennt sich Rasa-Pietra-Verputz. «Rasa» heisst dabei in etwa so viel wie geglättet oder gestrichen, «Pietra» ist der Stein. Würde der Mörtel fehlen, erschiene das Mauerwerk ziemlich grobschlächtig und zerfurcht. Durch die Füllung der Fugen aber ist eine optisch gleichmässige, ebene Oberfläche entstanden. Teilweise wurde ein Fugenstrich hinzugefügt, heisst, dass waagrecht und senkrecht gerade Linien in den Mörtel eingekerbt wurden, um den Eindruck von einer geometrisch regelmässigen Quadersteinmauer zu erwecken. Die freigelassenen Steinoberflächen jedoch dominieren das Erscheinungsbild einer Mauer wie an der Kirche in Risch bezüglich ihres farblichen Akzents so stark, dass solche Furchen kaum ins Auge fallen und somit diesen Zweck nur spärlich erfüllen. Bei Profanbauten fand der Rasa-Pietra-Verputz vornehmlich im 11. und 12. Jahrhundert Anwendung. An Kirchtürmen hingegen auch noch bis ins 14. Jahrhundert.

Die Rischer Pfarrkirche, oder besser gesagt deren Turm ist ein wunderschönes und in unserer Region seltenes, da besonders ausgeprägtes Beispiel für diese mittelalterliche Art der Mauergestaltung. Es setzt am stolz über dem See thronenden Bauwerk einen erheblichen charakteristischen Akzent.

Andreas Fässler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach.

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