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29.04.2015 00:00

Der Schatz von Blickensdorf

  • Edith Sommer, jüngste der Hoppler-Geschwister,
vor wenigen Tagen auf der geschichtsträchtigen
Bank mit dem Mauerloch.
    Edith Sommer, jüngste der Hoppler-Geschwister, vor wenigen Tagen auf der geschichtsträchtigen Bank mit dem Mauerloch. | Stefan Kaiser / Neue LZ
  • Drei ältere Geschwister von Edith Hoppler (Dora, Werner und Hans) im Herbst 1940 mit Reportern.
    Drei ältere Geschwister von Edith Hoppler (Dora, Werner und Hans) im Herbst 1940 mit Reportern. | pd
BAAR ⋅ Vor 75 Jahren fanden Kinder in einer Mauer an der Früebergstrasse Dollars und Schmuck. Vor zwei Jahren wurde Edith Sommer im Nachlass ihrer Schwester auf einen Zeitungsbericht von 1940 aufmerksam.

Sie waren in den letzten September- und ersten Oktobertagen des Jahres 1940 der Hingucker in der Schweizer Presse: die Kinder aus Baar, die beim Spielen und Holzsammeln einen Schatz entdeckt hatten. Dieser barg, gleich einer mysteriösen Flaschenpost, Dollarnoten und einen Brillantring in einer sogenannten Bülacherflasche einer Glasflasche der 1891 gegründeten Glashütte Bülach AG. Die Kinder hatten die Geldscheine für wertlos gehalten und unbekümmert damit gespielt. Zu Hause jedoch bereiteten ihre Eltern dem Spass ein Ende und meldeten den Fund der Polizei.

So machte die Geschichte vom aussergewöhnlichen Fund schnell die Runde. Eine Zeitschrift widmete Kindern und Schatz sogar eine ganze Seite inklusive grossem Foto und fünf Porträtaufnahmen der glücklich strahlenden Mädchen und Jungen. Edith Sommer ist im Besitz einer Kopie dieser Zeitungsseite sowie eines Original-Fotos aus einer anderen Zeitung. Die 78-jährige Baarerin ist die jüngere Schwester dreier am damaligen Fund beteiligter Kinder alle sind inzwischen verstorben. Vor zwei Jahren fand sie die Zeitungsausschnitte im Nachlass ihrer älteren Schwester Dora. Und erst kürzlich wurde Gemeindearchivar Philippe Bart auf die hochinteressanten Dokumente aufmerksam.

«Die Schatzgräber von Baar» ist die reich bebilderte Seite betitelt, und recht launig wird hier beispielsweise vom 12-jährigen Werner Hoppler berichtet, der meinte: «Das Papiergeld heb ja doch kei Wärt meh.» Das Original-Foto ist sogar mit einem Reim untertitelt: «In Bergesadern, Mauergründen ist Gold gemünzt und ungemünzt zu finden.» Stichwort «Mauergründe»: Versteckt war die Bülacherflasche mit ihrem äusserst wertvollen Inhalt in der Abzugsröhre einer Böschungsmauer. Und in diese Böschungsmauer an der Baarer Früebergstrasse ist heute genau wie damals ein Bänkchen eingelassen. Der richtige Platz für spielende Kinder, um ein Päuschen zu machen und ein bisschen neugierig zu sein. So neugierig, wie es Ende September 1940 die 13-jährige Dora Hoppler war. Sie wollte dem Loch in der Mauer auf den Grund gehen und fand darin doch tatsächlich die Flasche mit Geld und Schmuck. Mit dabei waren ihr achtjähriger Bruder Hans und der zwölfjährige Bruder Werner sowie weitere Kinder. Edith Sommer, geborene Hoppler, blickt zurück: «Ich war damals drei Jahre alt und noch nicht mit meinen Geschwistern unterwegs. Ich weiss aber noch, dass die Eltern die Polizei über den Fund informierten und meine Geschwister einen Finderlohn bekamen.»

Auch die Älteste der Hoppler-Kinder war bei der Entdeckung des Baarer Schatzes nicht zugegen. Die damals 19-jährige Trudi war zur Lehre in Graubünden. Heute lebt die 94-Jährige in Lausanne und erinnert sich am Telefon: «Als ich heim in die Ferien kam, erzählten mir meine Eltern vom Fund der Geschwister der war schon ein grosses Thema in der Familie.»

Stöbert man in den Ausgaben von «Zuger Nachrichten» und «Zuger Volksblatt» jener Zeit, so stösst man zwar nicht auf reich Bebildertes, aber doch auf so einige Artikel. In den «Zuger Nachrichten» vom Montag, 30. September 1940, heisst es beispielsweise: «Am Freitag fanden Holz sammelnde Kinder bei der Liegenschaft Frühburg ob Baar ... hinter Steinen versteckt eine Bülacherflasche ... Die Kinder nahmen den Fund mit in den Wald und spielten richtig kindlich unbefangen mit dem mysteriösen Mammon ...» Weiter ist zu lesen: «Einen Anhaltspunkt für den Eigentümer, ob es sich um ein Flüchtlingsschicksal oder ob um ein Verbrechen handelt, hat man noch nicht, da die Flasche schon längere Zeit in ihrem Verstecke gewesen zu sein scheint.» Auf andere Art waren die Ordnungshüter aber schnell erfolgreich, denn: «Im Verlaufe des Samstag unternahm die Polizei am Fundorte weitere Erhebungen, wobei sie in einem anderen Abzugsrohr der Strassenmauer wiederum einen in die Tausende gehenden Dollarfund in Noten machte.» Zuletzt weisen die «Zuger Nachrichten» ihre Leser noch humorvoll darauf hin, weitere Schatzgräber-Ambitionen besser zu vergessen: «So schön sonst ein Spaziergang auf dem Frühberg ist, so wenig wird es sich für Schatzgräber lohnen, nun ebenfalls die Strassenmauer in allen Ritzen und Schlitzen abzusuchen ...»

Der Eigentümer der Dollars und des Brillantrings hat sich dann übrigens zügig gemeldet. Am Mittwoch, 2. Oktober 1940, berichten die «Zuger Nachrichten», dass «ein reicher hiesiger Krösus in der Zeit, als im Mai in viele Hosen manches Herz gefallen ist und die Evakuierungsautos Richtung Zentralschweiz fuhren, seinen Tresor geleert ... und die Dollar-Bülacherflaschen in den Natursafes auf dem Baarer Frühberg versorgt» habe. Gemeint ist mit der Zeit im Mai der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Benelux-Staaten und Frankreich. Wie Historiker Renato Morosoli erklärt, seien damals viele Nord- und Nordostschweizer in grosser Panik in die Zentralschweiz geflüchtet.

Im «Zuger Volksblatt» ist am 18. Oktober 1940 schliesslich noch von einem «flotten Finderlohn» zu lesen: «Bekanntlich fanden fünf Kinder vor einiger Zeit Dollarwerte im Betrage von ca. Fr. 120 000.... Nun erhielt jedes der Kinder als Finderlohn ein Sparkassenheft mit einer Einlage von Fr. 1300.–.»

Das Bänkli selbst ist übrigens auch noch eine Erklärung wert: In die Mauer direkt darüber sind die Jahreszahl 1911 sowie der Schriftzug F. Keiser Zug eingebracht. Wie Gemeindearchivar Philippe Bart weiss, wurde die Früebergstrasse im ersten Halbjahr 1911 bis hinauf zum Hof Deibüel komplett neu- und ausgebaut. Ein Strassenbau, den der Zuger Bauunternehmer Fidel Keiser ausführte. Die Bausumme belief sich auf 17 612,85 Franken der Zuschlag für die Nische kostete 75 Franken. Wann genau dann das Bänkli in die Nische gestellt wurde, ist Philippe Bart nicht bekannt. Der aktuelle Anwohner Martin Hotz versichert aber, dass «heute noch ab und zu jemand auf der Bank sitzt». Der Kirchenratspräsident erinnert sich zudem mit einem Schmunzeln an Jugendzeiten: «Da war es für viele ein Liebesbänkli.»

Susanne Holz

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach.

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