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02.09.2015 11:00

Der Türsturz von nebenan

  • Der frühbarocke Türsturz über dem Eingang gehörte einst zu einem anderen Gebäude in unmittelbarer Nähe.
    Der frühbarocke Türsturz über dem Eingang gehörte einst zu einem anderen Gebäude in unmittelbarer Nähe. | Bild Maria Schmid
ZUG ⋅ Anders als erwartet, erzählt der schöne Türsturz des Hauses St.-Oswalds-Gasse 10 nicht die Geschichte dieses Gebäudes, sondern jene des Nachbarhauses. Eine bauhistorische Entschlüsselung.

Kommt man die Kirchenstrasse herunter, vorbei an der rechter Hand stehenden Burg Zug und der linker Hand stehenden Kirche St. Oswald, trifft man links in der Ecke der Kreuzung mit der St.-Oswalds-Gasse auf einen stattlichen Bau: das Haus St.-Oswalds-Gasse 10, auch als Pfrundhaus St. Karl respektive alter Pfarrhof bekannt. Die schmuckvollen Eingänge sind Zeugen einer überaus lebendigen Baugeschichte.

Das ursprüngliche Haus war ein Bohlenständerbau, der 1447 hier – damals noch vor den Mauern der mittelalterlichen Stadt – errichtet wurde. Das Holzhaus wurde im Laufe der Zeit vielfältig umgebaut und dabei schrittweise versteinert, also in Stein ausgeführt. Den Fachwerkaufbau setzte man um 1600 auf und drehte dabei den ehemals zur Kirchenstrasse hin ausgerichteten Giebel in Richtung Kirche. Die formal unterschiedlichen Fenster- und Türgewände – also die seitlichen Begrenzungen von Fenster- und Türlichtern – stammen aus verschiedenen Bauphasen. Die Eingänge im Erdgeschoss sind prägnant ausgestaltet. So ist das Gewände der zur Kirchenstrasse hin ausgerichteten Tür im Erdgeschoss – der ehemalige Haupteingang – als Spitzbogen ausgeformt. Die Innenkanten sind flach gefasst, und Rillen und Abtreppungen schmücken dezent die Flächen. Im oberen Bereich des Spitzbogenportals sind die Jahreszahl 1590 und ein unbekanntes Steinmetzzeichen eingemeisselt. Mit diesem Zeichen markierte der Steinmetz sein Werk und kennzeichnete es so als das seinige. Die Jahreszahl verweist auf den Umbau in diesem Jahr, der auch bauarchäologisch nachgewiesen werden kann. Toni Hofmann, Kenner der historischen Bausubstanz von Zug und ehemaliger Grabungstechniker des Amtes für Denkmalpflege und Archäologie, erklärt: «Solch aufwendig verzierten Gewände an Ausseneingängen sind Visitenkarten der Hausbesitzer und könnten der Identifikation gedient haben. Auch im Inneren verschiedener Häuser der Altstadt gibt es spitzbogige Gewände, die allerdings nur bescheiden oder gar nicht verziert sind.»

Der Eingang auf der Seite St.-Oswalds-Gasse präsentiert sich völlig anders: Das in frühbarocker Manier behauene Gewände besteht aus zwei seitlichen Türpfosten und dem aufliegenden Türsturz. Im Sturzstein sind die Jahreszahl 1617 und die Inschrift «pax intrantibus – salus exeuntibus» («Friede den Eintretenden – Heil den Austretenden») sowie zwei Wappenscheiben eingemeisselt. Fälschlicherweise könnte man auch hier meinen, der Eingang sei zum Zeitpunkt der eingefügten Jahreszahl eingebracht worden. Er wurde aber erst im 20. Jahrhundert eingebaut, und zwar als sogenannte Spolie, also als wieder verwendetes Bauteil. Ehemals gehörte dieses Türgewände nämlich zum gegenüberliegenden Haus Kirchenstrasse 3, und die Jahreszahl 1617 dürfte einen Umbau dieses Hauses datieren. Auf den heute blinden Wappenscheiben waren bis zur Versetzung des Gewändes ins Haus St.-Oswalds-Gasse 10 die Wappen der Zuger Familien Speck und Landtwing aufgemalt. Klemenz Speck, ein Bäcker, kaufte das Haus Kirchenstrasse 3 im Jahr 1895. Ab 1900 war auch die Bäckerei Speck – die an anderen Standorten bis heute überdauern sollte – im Haus untergebracht. Im Jahr 1922 ehelichte Klemenz Speck Karolina Landtwing. Diese Heirat versinnbildlichte das Allianzwappen der beiden Familien, das ehemals den Türsturz zierte. Im Hausinneren wird diese Eheschliessung symbolisch weitergeführt, und zwar auf dem Kachelofen in der Stube, der noch heute steht. Dieser formal schlichte Ofen im Stil des Neoklassizismus ist mit flachen, grün glasierten Ofenkacheln gefasst. Auf der im oberen Bereich zentral eingebrachten Allianzkachel sind die mit Blattranken umspielten Wappen der Familien Landtwing und Speck sowie die Jahreszahl 1922 aufgemalt.

Durch aufmerksame Betrachtung kann an vielen Häusern in der Zuger Altstadt die Bauentwicklung anhand der noch sichtbaren Substanz erahnt werden. Deren Baugeschichte wird dann lesbar, wenn archäologische Befunde und historische Quellen zusammenspielen. Und sie wird dann verständlich, wenn es gelingt, diese zu entschlüsseln.

Brigitte Moser

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