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31.08.2016 05:02

Der «Wetterblätz» aus Baar für ein Konstanzer Wahrzeichen

  • Das Schnetztorsin Konstanz. (© Bilder Andreas Faessler)
    Das Schnetztorsin Konstanz. | Bilder Andreas Faessler
  • Von der Spitze des Schnetztors in Konstanz schaut der Blätzlebueb, den Eugen Hotz entworfen hat, über die Stadt. (© Andreas Fässler / Neue ZZ)
    Von der Spitze des Schnetztors in Konstanz schaut der Blätzlebueb, den Eugen Hotz entworfen hat, über die Stadt. | Andreas Fässler / Neue ZZ
  • Die Grafik, welche Geny Hotz 1975 für die Schnetztor- Initiative kreiert hat. (© PD)
    Die Grafik, welche Geny Hotz 1975 für die Schnetztor- Initiative kreiert hat. | PD
BAAR/KONSTANZ ⋅ Fasnachtsleidenschaft verbindet. Eine enge Freundschaft zwischen einer Konstanzer und einer Baarer Zunft half, ein berühmtes Wahrzeichen der Stadt am Bodensee auf Vordermann zu bringen und zum Denkmal von nationaler Bedeutung zu erheben. Bekrönt wird das Monument bis heute von einer Wetterfahne, deren «geistige Heimat» im Kanton Zug liegt.

Viele Schweizer Tagesausflügler und Einkaufstouristen kennen das prächtige Schnetztor in Konstanz. Bloss zwei, drei Steinwürfe hinter dem Kreuzlinger Zoll führt der Weg durch den markanten, spätmittelalterlichen Turm direkt in die malerische Konstanzer Altstadt.

Das hervorragend in Stand gehaltene Stadttor aus dem 14. Jahrhundert gilt als Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung. Es ist von einst dreissig Wehrtürmen neben zwei anderen das letzte erhaltene Tor der heute fast komplett verschwundenen Konstanzer Wehranlage. Dass es nach all den Jahrhunderten und zeitweiligem Verfall heute so frisch und strahlend den Eingang zur Altstadt markiert, ist unter anderem auch einem illustren Baarer zu verdanken, der mit seinem künstlerischen Können eine neue Marke über den Dächern der Konstanzer Altstadt setzte.

Es begann in Siebnen SZ

Wir reden von niemand Geringerem als Eugen «Geny» Hotz (1917–2000), weitherum bekannter Baarer Ehrenbürger, Künstler und Ur-Fasnächtler. Die Geschichte, warum es dazu kam, dass Geny Hotz in der deutschen Bodenseemetropole ein nachhaltiges Zeichen gesetzt hat, beginnt mit einer zufälligen Begegnung: Anno 1965 trafen sich Fasnächtler aus allen Himmelsrichtungen an einem Narrentreffen in Siebnen SZ. Auch Heinz Hug, nachmaliger Zunftmeister der Konstanzer Blätzlebuebe, war da, sass am Nebentisch des Ehepaares Hotz und kam schnell mit den beiden ins Gespräch über Gott, die Welt und natürlich die Fasnacht. «Geny hatte eine Zigarette im Mundwinkel stecken und zeichnete irgendwann flugs einen Räbegäuggel auf einen Bierdeckel», erinnert sich der heute 85-jährige Heinz Hug.

Zwei Jahre nach dem Treffen trudelte in Konstanz aus Baar überraschend eine Einladung zu einem Maskentreffen ein. Hug erkannte auf dem Briefbogen sofort den Räbegäuggel vom Bierdeckel und erinnerte sich an die freundliche Begegnung. So fuhren bald zwei Busse, gefüllt mit Blätzlebuebe von Konstanz, in die Zentralschweizer Gemeinde, amüsierten sich prächtig – und kamen wieder. Auch die Baarer gingen nach Konstanz auf Besuch. Es war eine starke Freundschaft mit regem Austausch zwischen der Räbe-Zunft und den Blätzlebuebe entstanden. «Eine sehr herzliche Verbindung», beschreibt es Hug.

Zu der Zeit fehlte den Blätzlebuebe noch immer ein «Stammsitz», eine Zunftstube. Auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie wurde den Fasnächtlern nach zwei zunächst vorgeschlagenen Objekten auf Wunsch das Schnetztor aufgeschlossen. «Doch war es damals in einem desolaten Zustand, hatte es doch Jahrzehnte leer gestanden», erinnert sich Heinz Hug. «Aber ich war sofort Feuer und Flamme für den Turm, auch wenn eine Instandsetzung sehr viel Aufwand bedeutete.» Zur Verfügung standen zu dem Zeitpunkt magere 6000 Mark.

Ein Signet für den «Hahnenschrei»

Der Ehrgeiz war aber gross genug, und auch Geny Hotz fand die Idee der Blätzlebuebe toll. Der Baarer bot seine Hilfe an. Er kreierte für die Konstanzer einen Blätzlebueb für eine Serie von Fasnachtsplaketten mit vier Wertstufen. Deren Verkauf sollte das bescheidene Budget aufstocken. «Unsere Freunde aus Baar waren übrigens die ersten, welche Plaketten kauften», sagt Hug. Auch das Zunftblatt der Konstanzer Fasnächtler, der «Hahnenschrei», trug ein Narrensignet von Geny Hotz. Überdies entwarf der Baarer ein Spendenbarometer am Schnetztor. Der Verkauf der von Hotz gestalteten Plaketten brachte schliesslich so viel Geld ein, dass das Barometer nicht mehr reichte. «Da setzte Geny der Skala kurzerhand einen Blätzlebueb in den Wolken auf», erinnert sich Heinz Hug amüsiert.

Der Gesamtbetrag für die Restaurierung des Schnetztores von 1,9 Millionen Mark kam schneller zusammen, als sich die Konstanzer hätten träumen lassen. «Das haben wir zu einem grossen Teil Genys Entwürfen zu verdanken, welcher das Vorankommen des Projektes genau verfolgt hat. Selbst einflussreiche Leute spendeten grosszügig», sagt Heinz Hug. Nachdem die Lokalredaktion des «Südkuriers» einen Artikel mit der Überschrift «Die Blätzlebuebe liebäugeln mit dem Schnetztor» publiziert hatte, war es die Bürgerschaft, welche an der Ini­tia­tive der Zunft Gefallen fand. Mit Ausnahme des Konstanzer Oberbürgermeisters Helmle zeigte die Stadtregierung anfänglich kein grosses Interesse an dem Projekt. Mit namhaften Sponsoren aus Industrie, Handel und Gewerbe und vor allem mit der Spendierfreudigkeit der Bürger kam die Sache aber in Schwung. 1978 wurde das Schnetztor zum Denkmal von nationaler Bedeutung erhoben und konnte somit auch von Mitteln des Landes Baden-Württemberg profitieren.

Dann kam der Tag, als bei Heinz Hug eine Kartonrolle aus Baar eintrudelte. Der Inhalt: ein Entwurf für eine Wetterfahne auf der Spitze des Schnetztores. «Geny wusste nämlich, dass die alte Wetterfahne so gut wie hinüber war», sagt Hug und erzählt, wie er beim Auspacken des Rolleninhaltes so gerührt wie entmutigt zugleich war. Einerseits war da natürlich die Freude über den überaus gelungenen Vorschlag – ein Blätzlebueb mit der obligaten Pritsche in der Hand –, aber andererseits zweifelte Hug, dass die Stadt die Herstellung einer neuen Wetterfahne auch noch unterstützen würde. Ein relativ kleines, aber wichtiges Detail am Entwurf dürfte schliesslich für den positiven Bescheid seitens Behörden entscheidend gewesen sein. Hug: «Auf die Spitze der Wetterfahne setzte Geny das Konstanzer Wappen. Dieses überragt den Blätzlebueb, ist also das bekrönende Element des Schnetztores.»

1000 Franken aus Baar

Bei einem der Besuche des Kontrolleurs vom Landesdenkmalamt entrollte Heinz Hug den Entwurf der angedachten neuen Windfahne, der spontan Gefallen fand. Mit dem Segen der vorgesetzten Stelle wurde Heinz Hug beim Baubürgermeister vorstellig, dem der «Wetterblätz» für das Stadttor ebenfalls auf Anhieb gefiel. Man stellte sogleich das Gesuch für einen entsprechenden Kredit mit dem Rat, dass die Wetterfahne mindestens mannshoch angefertigt werden solle. Aus Baar empfing man in Konstanz dabei eine Spende von 1000 Franken vom Räbevatter für die Herstellung der Schnetztor-Wetterfahne. Die entsprechende Niederschrift hängt noch heute gerahmt in der Zunftstube.

Heinz Hug suchte sogleich einen versierten Schlosser in Konstanz, der Geny Hotz’ Entwurf ausführen sollte. Dieser war im Schmiedemeister Werner Sauter dann auch gefunden. Er lieferte eine insgesamt 1,90 Meter hohe Wetterfahne mit einer Stange aus Edelstahl. Die Fasnachtsfigur aus 4 Millimeter dickem Kupferblech mit den neckischen, als Durchbrüche gestalteten Blätzle misst knapp 1,50 Meter. «Die Wetterfahne basiert auf einem Rillendrehlager mit Kugelkranz», beschreibt Hug. «Denn der Schlosser hatte den Auftrag, dass sie sich wartungsfrei drehen soll.»

Reparaturen wären auf der Spitze des Turmes schliesslich umständlich und aufwendig. «Die Anfertigung auf diese Art hat sich bestens bewährt», stellt Hug fest. «Und der Schmiedemeister ist noch heute stolz darauf, dass er den Auftrag erhalten hat.»

Landesweit einzigartig

Seit Ostern 1979 schaut von der Spitze des Schnetztores der von Geny Hotz entworfene Blätzlebueb über die Stadt und bis hinüber ins Schweizerland, wo er ja im Grunde herkommt. «Dass die Figur einer örtlichen Fasnachtszunft ein Stadttor schmückt, dürfte deutschlandweit einzigartig sein», fügt Heinz Hug an.

Von Beruf war der 85-jährige Konstanzer Eisenbahner. Von 1973 bis 1990 war er der Zunftmeister der Blätzlebuebe. Dem ehemals leidenschaftlichen Fasnächtler und seinem tatkräftigen Engagement hat es die Zunft folglich zu verdanken, dass sie eines der denkbar schönsten Zunftlokale besitzt. Heute überlässt Heinz Hug das bunte Fasnachtstreiben in Konstanz lieber dem Nachwuchs.

Die freundschaftlichen Verbindungen zu der Gemeinde im Kanton Zug sind durch den Generationenwandel und insbesondere seit dem Ableben von Geny Hotz und seiner Frau Annemarie eingeschlummert. Seinen Baarer Passionsgenossen hat der Konstanzer aber noch in allerbester Erinnerung und gerät geradezu ins Schwärmen, wenn er von ihm erzählt.

«Geny war ein wunderbarer Mensch. Stets gab er sich bescheiden, und er mochte nie im Vordergrund stehen. Wir haben uns immer blind verstanden, uns sprichwörtlich ergänzt. In ihm sah ich mein Alter Ego.»

Auch für seine Kunst war dem Baarer Heinz Hugs Bewunderung sicher. «Was er schuf, war und ist wundervoll», schliesst Hug seine Erinnerungen. Damit lenkt er – ohne es konkret zu erwähnen – wieder auf den stolzen Blätzlebueb auf dem Schnetztor, welcher für die Zigtausenden Besucher der Bodenseestadt sichtbar stilles Zeugnis ablegt von dieser einstmaligen, engen Freundschaft zwischen der Stadt am Bodensee und der Räbenmetropole im Zugerland.

Andreas Faessler

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