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22.06.2016 00:00

Der lädierte Turm

  • Mitten in der Überbauung Herti ragt «turris» drei Meter in die Höhe und
bildet einen starken Kontrast zur Strenge der umliegenden Architektur.
    Mitten in der Überbauung Herti ragt «turris» drei Meter in die Höhe und bildet einen starken Kontrast zur Strenge der umliegenden Architektur. | Bild Andreas Faessler
ZUG ⋅ Giuseppe Spagnulo zeigt, dass selbst massives Eisen verletzlich wird, wenn physikalische Gesetze bewusst angewendet werden. Seine Plastik «turris» ist genau so entstanden.

Hinter den Kunstwerken des apulischen Künstlers Giuseppe Spagnulo (*1936) steckt viel Kraft, viel Energie, viel Gewicht. Das Spiel mit grossen Dimensionen, vereint mit Nutzung der physikalischen Eigenheiten der Schwerkraft, ist das Markenzeichen des Süditalieners. Im Sommer 1994 war Spagnulo, damals einer der bedeutendsten zeitgenössischen Eisenplastiker, im Kunsthaus Zug zu Gast, wo seine tonnenschweren Objekte zum ersten Mal offiziell auf Schweizer Boden zu sehen waren. Im Anschluss an die Ausstellung erwarb die Stadt Zug Spagnulos über drei Meter hohe Eisenplastik «turris» (lat. Turm). Damals war im Baukredit für die Überbauung ­Herti V ein Posten für Kunst im öffentlichen Raum vorgesehen. Für «turris» blätterte die Stadt 230 000 Franken hin. Am 5. Oktober 1994 wurde der Turm an seinem Ort platziert und im Beisein des Künstlers eingeweiht.

Geschlagene 16 Tonnen wiegt die inwendig hohle, vierteilige Plastik mit einem Durchmesser von knapp eineinhalb Metern. Hergestellt hatte Spagnulo «turris» im Stahlwerk der von Roll AG in Gerlafingen. Die Schwerkraft und das Zusammenspiel dieser Plastik mit dem Zustand des Materials war beim Entstehungsprozess massgebend: Ein bereits ausgekühlter Zylinder wurde auf einen noch hocherhitzten Teil gesetzt. Folglich gab dieser dem Druck soweit nach, dass sich die noch weichen Wände konvex nach aussen bogen. Diesen Schritt ­führte Spagnulo bei zwei Elementen aus. Beim Prozess mit diesem enormen Druck entstanden im Eisen Risse oder Verfärbungen, wodurch der Künstler die Verletzlichkeit dieses ansonsten extrem stabilen und schweren Materials zutage brachte.

Das Archaische des Eisens steht somit durch diese nun sichtbare Schwäche im Kontrast, ja es erhält gar etwas Zartes, Geschmeidiges. Die Verletzungen und Narben, wie sie auf dem Bild am zweitobersten Element auszumachen sind, nehmen dem Ganzen seine Strenge und das Bedrohliche. Die Verletzung ist so erheblich, dass sie gar den Blick ins Innere der Plastik freigibt.

An seinem Standort auf einer Lichtung mitten im verbauten Gebiet tritt «turris» mit seinen Lädierungen und der durch Korrosion scheinbaren Mitgenommenheit in eine Art kontroversen Dialog mit der umliegenden Architektur, die streng durchgeplant, gradlinig und rundum unversehrt ist. Doch waren bei der Platzwahl statische Überlegungen unentbehrlich: Wegen ihres enormen Gewichts musste die Eisenplastik genau dort aufgestellt werden, wo sie von einer Säule der darunterliegenden Tiefgarage gestützt wird.

Andreas Faessler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach. Frühere Beiträge finden Sie unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

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