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09.09.2015 00:00

Der zierliche Kriegsheld

  • Trotz des «unkriegerischen» Erscheinungsbildes kann man dem Haller-Denkmal für Hans Waldmann in Zürich eine gewisse Erhabenheit nicht absprechen.
    Trotz des «unkriegerischen» Erscheinungsbildes kann man dem Haller-Denkmal für Hans Waldmann in Zürich eine gewisse Erhabenheit nicht absprechen. | Bild Andreas Faessler
BAAR/ZÜRICH ⋅ Tapferen Staatsmännern wurde üblicherweise ein erhabenes Denkmal gesetzt. Einem gebürtigen Zuger Feldherrn hätte so eines gemäss Patrioten auch gebührt. Es kam aber anders.

Reiterstandbilder prägen das Erscheinungsbild einer Stadt signifikant. Sie zeigen verdiente uniformierte und armierte Staatsmänner oder Militärs auf einem stolzen Pferd daherschreitend. Es sind Feldherren, Herzöge, Könige, Kaiser. Die Monumente stehen an einem exponierten Ort, von weit her sichtbar. So auch der Reiter mitten in Zürich. Auf einem hohen Podest am Kopf der Münsterbrücke sitzt er auf seinem Bronzeschimmel, umgeben von lauter geschichtsträchtigen Fassaden: Gross- und Fraumünster, Wasserkirche, Stadthaus, Palais Meisen ... Ehrenvoller kann ein Denkmal in Zürich kaum platziert werden.

Es ist Hans Waldmann, der hier hoch auf seinem Ross hockt. Waldmann, der berüchtigte «Haudegen» aus Baar. 1435 in einem mittlerweile nicht mehr existierenden Bauernhaus im beschaulichen Blickensdorf geboren, war Waldmann schon früh Halbwaise. Er wurde Schneider und Gerber, galt seit je als rabiater, unberechenbarer Raufbold. Nachdem seine verwitwete Mutter in ihre Heimat Zürich zurückgekehrt war und dort erneut geheiratet hatte, zog auch Sohn Hans in die Limmatstadt und wurde hier um 1452 eingebürgert. Sein Berufsleben langweilte ihn, weshalb er als Söldner in diverse Kriege zog. Prügeln, raufen und kämpfen war Waldmanns Naturell. Die Heirat mit einer angesehenen Zürcherin und die Wahl zum Kämbel-Zuftmeister waren für den schulisch wenig gebildeten Zuger der Schlüssel für seinen gesellschaftlichen und politischen Aufstieg. Seine Verdienste in den Burgunderkriegen und für die Stadt Zürich brachten ihm hohes Ansehen. 1486 wurde Waldmann Bürgermeister von Zürich. Doch der machthungrige und selbstherrliche Grobian übte sein Amt übereifrig aus und zog bald den Zorn der Landbevölkerung auf sich, da er deren Selbstbestimmungsrechte beschneiden wollte. Und als er sämtliche Bauernhunde abschlachten zu lassen ersann, war das Fass voll. Er wurde gestürzt und 1489 in Zürich enthauptet.

Anlässlich des 400. Todestages des gebürtigen Zuger Feldherrn wollte man ihm im Jahre 1889 in Zürich ein grosses Denkmal errichten. Es gab allerdings sehr viele Stimmen dagegen. Warum sollte ein jähzorniger, dummer Prügelbursche zu solchen Ehren kommen? Das kostspielige Unterfangen wurde vorerst auf Eis gelegt. Und ohnehin wusste niemand, wie Waldmann überhaupt ausgesehen hatte. Eine für das Modellieren ausreichend repräsentative Abbildung war inexistent. Trotzdem nahm man das Projekt nach rund vier Jahrzehnten, als die benötigten finanziellen Mittel beisammen waren, wieder auf, obschon derartige Denkmäler zu diesem Zeitpunkt als veraltet galten.

Der Bildhauer Hermann Haller erhielt den Auftrag, ein Waldmann-Reiterstandbild zu schaffen. Es soll bestehen aus «Mann und Ross, gerüstet für die Schlacht von Murten». Haller hatte bis dahin allerdings fast nur Frauenfiguren geschaffen. Einen «echten Kerl» abzubilden, war für ihn neu. Haller schuf ein Modell, das auf wenig Gegenliebe stiess. Weder das Pferd noch der Mann darauf repräsentierten nach Meinung von Experten ein kühnes Kriegsgespann, das in eine Schlacht zieht. Das Pferd ohne Geschirr, der Reiter ohne Schwert und ordentliche Rüstung, viel zu schmächtig und bubenhaft dargestellt. So kann doch kein entschlossener Feldherr ausgesehen haben, der den Ruf hatte, überall erfolgreich draufzuhauen, wo etwas nicht nach seinem Willen läuft. Hallers Vorliebe für ­grazile Frauenfiguren ist in den Augen der Kunstverständigen beim Modellieren von Waldmann mit ihm durchgegangen. Dennoch wurde der Entwurf umgesetzt und spaltete die Zürcher Gesellschaft.

Wo waren jetzt der fast übermenschliche, von Stolz erfüllte Feldherr und all der Kriegspomp, den man von den grossen Reiterstandbildern in den anderen Metropolen kennt? Viele spotteten über Hallers zierliches Männchen mit Wespentaille, leicht buckliger Haltung und einfachem Helm und Beil. Andere aber – und diese Ansicht gewann bald an Popularität – sahen in Hallers Waldmann-Denkmal eine zukunftsgerichtete Art der Heldenverehrung, die sich von der gängigen historisch aufgeblasenen und übertrieben hochstilisierten Verkörperung abhebt.

Ob der legendäre Zürcher Staatsmann aus Baar nun ein robuster, stolzer Krieger war, wie ihn sich die nostalgischen Patrioten vorstellten, oder aber ein eher kurzer Spargeltarzan, wie ihn Haller modellierte, das wird im Dunkel der Geschichte verborgen bleiben. Jedenfalls ist wohl keinem anderen Zuger je eine so prägende und prominente Gedenkstätte gewidmet worden wie Hans Waldmann mit seinem Reiterstandbild auf der Zürcher Münster­brücke.

Andreas Faessler andreas.faessler@zugerzeitung.ch

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