ZUG

Die Leitplanken von einst

Man übersieht sie gern, weil sie halt einfach da sind und wie selbstverständlich zum Bild der Zuger Altstadt gehören. Heute weitgehend funktionslos, erfüllten die massiven Steinblöcke an den zahlreichen Häuserecken einst eine wichtige Aufgabe.
27.10.2016 | 15:45

Andreas Faessler

Man nennt sie  «Prellsteine» oder – noch bildlicher gesprochen – «Radabweiser», und sie sind ein Relikt aus alter Zeit. Ihre Funktion ist/war einzig, Gebäude vor Beschädigungen zu schützen, wenn Fuhrwerke oder Kutschen um die Ecke bogen oder eine enge Stelle passierten. Mit Pferde- oder Ochsengespann vorne – oder auch von Menschenhand gezogen – liessen sich die Gefährte nicht so leicht lenken wie später die motorisierten Fahrzeuge. Da kam es häufig vor, dass man mit einem der hinteren Räder oder deren Nabe die Hauswand beschädigte.

 

Solche von Maurern oder Steinhauern angefertigten Prellsteine kannten bereits die Römer. Ab dem Spätmittelalter wurden sie immer häufiger nicht mehr nur als rein zweckmässiges Objekt, sondern als architektonisches Element betrachtet. Vor allem wenn es galt, die Mauer eines Gebäudes mit repräsentativer Funktion zu schützen, wurden die Prellsteine – gelegentlich wurden auch Objekte mit demselben Zweck aus Metall hergestellt – mit Ornamenten gestaltet oder gar bildhauerisch zur Vollplastik ausgearbeitet. Meist jedoch sind die Steine schlicht konisch respektive kegelförmig zugehauen und an der Hausecke fest im Boden verankert platziert. Das hatte den Effekt, dass die Räder der Flanke entlang abrutschten – «abgewiesen» werden – und somit nicht lädiert wurden. Reparaturen an Rädern und Achsen nämlich bedeuteten für den Wagner einen hohen Aufwand, was für den Fuhrwerkbesitzer mit entsprechend hohen Kosten verbunden war.

Noch heute entdeckt man in der Zuger Altstadt, wo einst reger Verkehr herrschte, und entlang der Zeughausgasse einige schöne Beispiele dieser «Leitplanken von einst». Vor allem am und um den Zytturm, wo der Durchlass platzmässig beschränkt ist. Der Toraustritt auf Seite Kolinplatz wird von je einem Sandstein-Radabweiser flankiert. Diese machen einen etwas mitgenommenen Eindruck, weil es sich um ein Gestein mit geringerer Festigkeit handelt. Für Prellsteine verwendete man idealerweise hartes Material wie Granit. Die meisten Exemplare, die man in Zug noch vorfindet, sind aus hartem Gestein. Drei eindrückliche Beispiele unterschiedlich grosser Granitprellsteine sind bei der Liebfrauenkirche zu sehen, an den Häuserecken des Verbindungsstücks von der Ober- zur Unter-Altstadt.

Grössere europäische Städte, die bereits im Mittelalter wirtschaftliche und gesellschaftliche Zentren waren und die ihren Altstadtcharakter haben wahren können, weisen oft bis heute einen faszinierenden Reichtum an Prellsteinen aller Arten auf, an denen sich die «Verkehrslage» von einst zuweilen eindrucksvoll ablesen lässt. In der engen Altstadt von Wien beispielsweise – vor allem in den Gassen mit seltenem, stark gekrümmtem Verlauf – existieren Granitradabweiser, die dermassen abgewetzt sind, dass nur noch knapp die Hälfte ihres ursprünglichen Volumens vorhanden ist. Zu Zigtausenden scheinen die Fuhrwerke und Kutschen über sie hinweggebrettert zu sein im Laufe der Jahrhunderte. Dadurch, dass historische Stadtzentren wie dasjenige von Wien später zunehmend verkehrsfrei gemacht worden sind, waren die alten Prellsteine nicht hinderlich und wurden als historische Zeugen belassen.

Schön, dass man auch in Zug diese heute an sich überflüssigen Prellsteine nicht entfernt hat.

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