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24.10.2016 14:50

Die beflügelten Vier

  • Die christlich-traditionelle Darstellung der vier Evangelisten im Rundfenster von Otto Münch in der reformierten Kirche Mittenägeri. Sie erscheinen als Mensch, Löwe, Stier und Adler.
    Die christlich-traditionelle Darstellung der vier Evangelisten im Rundfenster von Otto Münch in der reformierten Kirche Mittenägeri. Sie erscheinen als Mensch, Löwe, Stier und Adler. | Bild Stefan Kaiser/ZZ
UNTERÄGERI ⋅ Im Rundfenster der reformierten Kirche sind vier wichtige Figuren des Christentums dargestellt. Der Künstler war zu Lebzeiten sehr gefragt, ist dann aber zu Unrecht weitgehend vergessen worden.

Es ist das zentrale Element der Frontwand im Innenraum der 1938 erbauten reformierten Kirche in Mittenägeri – und es stammt von einem renommierten Schweizer Bildhauer, der vor allem im Raum Zürich bedeutende Werke hinterlassen hat: Otto Münch (1885–1965) versah das Rundfenster in der Ägerer Kirche anno 1954 mit einer bemerkenswerten Schnitzarbeit, welche seither der Blickfang im ansonsten eher nüchtern gehaltenen Gotteshaus ist. Münch, in Meissen geboren und ab 1911 in Zürich wohnhaft, zitiert in seinen bildhauerischen Werken oft die Formensprache der Renaissance und der Antike.

Unschwer ist daher erkennbar, dass der Künstler sich beim Rundfenster in der Mittenägerer Kirche an die mittelalterlichen Radfenster anlehnt, aus welchen später die prächtigen Fenster­rosen der Gotik hervorgegangen sind. Eine kleine Form eines solchen frühmittelalterlichen Radfensters deutet Münch in der Mitte des gleichschenkligen Kreuzes an. In den vier Fensterfeldern sind die vier biblischen Evangelisten in der seit dem Frühchristentum gängigen Symbolsprache dargestellt. Es sind dies Gestalten mit Flügeln, eine menschliche und drei tierische. Ihre Abbildung findet sich sehr häufig in einer Kreisanordnung – wie beispielsweise in einem Rundfenster.

Die kirchliche Tradition führt diese Symbolgebung für die Evangelisten auf den heiligen Hieronymus zurück. Er nahm das Wesen mit den vier Gesichtern aus dem Buch Ezechiel, welches als Vorbote für die Ankunft Christi galt, und teilte die Gesichter den vier Evangelisten zu. Matthäus beginnt sein Evangelium mit der Abstammung Jesu Christi, er schreibt also über den Menschen. Somit wird Matthäus in menschlicher Gestalt dargestellt (Fensterfeld oben links). Bei Markus geht es um Johannes den Täufer, den «Rufenden aus der Wüste». Ein brüllender Löwe steht symbolhaft für diesen Rufer, weshalb der Evangelist Markus als Löwe dargestellt wird (Fensterfeld unten links). Der Stier – oder auch ein Kalb – dient bei Lukas als Opfertier. Sein Evangelium beginnt mit dem Opfer des Zacharias, weshalb Lukas als Stier erscheint (Fensterfeld unten rechts). Und da es bei Johannes um die Stimme des von oben herabkommenden Geistes – um Gottes Wort – geht, zeigt er sich als Adler (Fensterfeld oben rechts). Die vier Evangelistensymbole vereint stehen auch für die universelle christliche Botschaft.

Die Anordnung der Symbole kann variieren. In seinem Rundfenster greift Otto Münch diejenige Platzierung auf, bei welcher Mensch und Löwe auf derselben Seite des Kreuzes liegen. Dies entspricht ihrer Zusammengehörigkeit gemäss Ezechiel 41, 19, wo es heisst: «Ihr Menschengesicht war der einen Palme zugewandt und ihr Löwengesicht der anderen.»

Grosses posthumes Ansehen war Otto Münch bedauerlicherweise nicht vergönnt, was insofern wundert, als der Bildhauer zahlreiche nennenswerte Arbeiten hinterlassen hat. Die bedeutendste davon geht täglich durch Tausende Hände: Das Hauptportal des Zürcher Grossmünsters, die so genannte Bibeltür, mit 42 reliefierten Bronzefeldern ist Otto Münchs Hauptwerk. Auch das Südportal des Münsters, die Zwinglitür, stammt von Münch. Weiter hat sich der Bildhauer mit den prächtigen relifierten Arkadensäulen des Nationalbankgebäudes an der Börsenstrasse ein Denkmal gesetzt. Auch mehrere Brunnenfiguren und Grabmäler gehören zur höchst qualitätsvollen künstlerischen Hinterlassenschaft des Zürchers – dem zu Unrecht kaum mehr Aufmerksamkeit zuteil wird.

Andreas Faessler

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