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19.08.2015 00:00

Dieser Jesus hat Aufsehen erregt

  • Albert Schillings Christus am Kreuz in der Guthirtkirche in Zug war der kirchlichen Obrigkeit ein Dorn im Auge. (© Stefan Kaiser / Neue ZZ)
    Albert Schillings Christus am Kreuz in der Guthirtkirche in Zug war der kirchlichen Obrigkeit ein Dorn im Auge. | Stefan Kaiser / Neue ZZ
ZUG ⋅ Der bedeutende Schweizer Bildhauer Albert Schilling gilt als wegweisender Erneuerer der sakralen Kunst. Eines seiner Hauptwerke sorgte einst für grosse Diskussionen. Es befindet sich in Zug.

Der in Zürich geborene Bildhauer Albert Paul Schilling (19041987) hat es in seiner künstlerischen Laufbahn zu internationalem Ansehen gebracht. Bereits seine frühen Werke waren von wegweisender Moderne geprägt und durchbrachen fast sämtliche Grenzen bisheriger Stilformen der Bildhauerkunst – Schilling gilt als Pionier, vor allem was die Symbolsprache der Sakralkunst angeht. Seine Werke zogen an internationalen Kunstausstellungen viel Aufmerksamkeit auf sich und brachten ihm internationale Auszeichnungen ein. Schillings Fachgebiet war primär die Gestaltung sakraler Räume mit plastischer Kunst. Auf diesem Gebiet galt er schnell als revolutionär.

Mit einem frühen Monumentalwerk machte Schilling erstmals bis weit über die Landesgrenzen hinaus von sich reden. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges erhielt Schilling den Auftrag, für den Andachtsraum der Schweizerischen Landesausstellung 1939 in Zürich einen gekreuzigten Christus anzufertigen. Dreieinhalb Meter hoch mass die Skulptur und sorgte schnell für viel Aufsehen. Erst recht angesichts der Tatsache, dass der Gekreuzigte im Anschluss an die Landesausstellung in der eineinhalb Jahre zuvor fertiggestellten Pfarrkirche Guthirt in Zug aufgestellt werden sollte als Hauptblickpunkt im Chor.

Aber was an Schillings Christus gab überhaupt Anlass zu so viel Diskussion? Mit seiner Figur setzte Schilling als einer der ersten Bildhauer bisher unbekannte Akzente der Christusdarstellung am Kreuz. «Sein» Jesus hängt nicht wie ein fast zu Tode Gemarterter mit tief gesenktem Haupt und schmerzverzerrtem Gesicht an den Balken. Nein, seine Körperhaltung ist trotz des Festgenageltseins aufrecht, erhaben, ja gar von Stolz erfüllt. Der Kopf aufrecht, der Blick verrät das absolute Siegesbewusstsein, voller Optimismus schaut er über das Geschehen unter ihm hinweg auf das, was er mit seinem baldigen Tod erwirken wird. Dies alles entsprach so gar nicht den überlieferten Fakten und somit nicht der allgemein bekannten Art der Darstellung des Gekreuzigten. Kommt hinzu, dass Albert Schilling sich in diesem Fall vertieft mit der menschlichen Anatomie auseinanderzusetzen hatte, um die Jesusfigur in einer solchen Position authentisch darstellen zu können. Wie liess es sich bewerkstelligen, dass ein Mensch, der an beiden Händen und vor allem an beiden Füssen, deren Spitzen gegen den Boden gerichtet sind, an ein Kreuz genagelt ist, es noch fertigbringt, mit seinen Schultern und seinem Kopf in solch aufrechter Haltung zu verharren ohne dass die Statue den Eindruck unnatürlicher Verrenkungen erweckt? Albert Schilling scheint dieses Kunststück erfolgreich gemeistert zu haben.

Doch bei allem Respekt für seine künstlerischen Fertigkeiten waren die kirchliche Obrigkeit und erst recht die Bevölkerung wenig entzückt von Schillings Christusfigur. Dies nicht nur wegen der völlig neuartigen Haltung des Sterbenden, sondern auch, weil Albert Schilling bewusst darauf verzichtet hat, seinem Jesus eine Dornenkrone aufzusetzen. Als «Gotteslästerung im Bilde» wurde das Kunstwerk gesehen. Die Kirche verbot es vorerst, Schillings Kunstwerk an seinem vorgesehenen Platz in der neuen Guthirtkirche in Zug aufzustellen. Erst zu einem späteren Zeitpunkt legten sich die Wogen so weit, dass man die Monumentalplastik doch noch ins neue Gotteshaus überführte. Auf bischöfliches Geheiss aber musste dem Christus nachträglich eine Dornenkrone aufgesetzt werden die zwei Jahre später wieder entfernt wurde.

Andreas Faessler

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