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22.03.2017 04:28

Ein Äffchen sorgt für Ärger

  • Das kleine Äffchen am Portal des Schulhauses Kirchbühl ist Teil eines Bildprogramms. Das wusste die Baukommission nicht und regte sich über die Darstellung auf. (© Bild: Andreas Faessler)
    Das kleine Äffchen am Portal des Schulhauses Kirchbühl ist Teil eines Bildprogramms. Das wusste die Baukommission nicht und regte sich über die Darstellung auf. | Bild: Andreas Faessler
  • Das Äffchen in einer Nahaufnahme.
    Das Äffchen in einer Nahaufnahme.
CHAM ⋅ Das prächtige Hauptportal am Schulhaus Kirchbühl besticht mit reizendem Figurenschmuck. Dazu gehört ein kleiner Primat. An diesem hatte die Baukommission vor 100 Jahren gar keine Freude. Die Herren hatten die Botschaft nicht verstanden.

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Gross ist die Zahl an Chamerinnen und Chamern, welche das Schulhaus Kirchbühl mit ihren Kindheits- und Jugendjahren verbinden. Seit 1917 steht das eindrucksvolle Gebäude als «Manifest des Bildungsbürgertums» auf seiner Anhöhe – bald stehen die Festlichkeiten für sein 100-jähriges Bestehen an. Als die Baupläne damals vorlagen, empfand man das entstehende Gebäude als etwas zu schlicht und nüchtern in der Erscheinung. Immerhin war man seinerzeit noch an die ornamentierten Formen des Späthistorismus und des Jugendstils gewohnt. So sollte das Gebäude entsprechend mit bildhauerischem Schmuck ausgestattet werden, damit es was hermache.

 

Im Sommer 1915 wandte sich die Baukommission an die Bildhauerin Ida Schär-Krause (1877–1957), gebürtige Berlinerin, in Zürich und später in Zug wohnhaft. Anno dazumal eine erstaunliche Wahl: Ein so wichtiger künstlerischer Auftrag auf dem Gebiet der Bildhauerei sollte an ein «Frauenzimmer» gehen? Das war sehr ungewohnt, erst recht in einer ländlichen Region, wo man von der Gleichberechtigung von Mann und Frau noch gefühlte Lichtjahre entfernt war. So gehörte Schär-Krause zu den Pionierinnen in der Schweizer Bildhauerszene. Sie schuf am und im Gebäude drei Eingangsportale und vier Brunnen. Diese plastischen Werke zeugen bis heute davon, in welch hoher Qualität die Bildhauerin ihre Arbeit ausführte.

Das augenfälligste Werk der Künstlerin am Schulhaus Kirchbühl ist das Hauptportal an der Schaufassade. In die barockisierende Fassung mit geschwungenem Sprengwerk arbeitete sie eine reizende Schar an Tier- und auch Kinderfiguren ein. Bekrönt wird das Ganze vom Chamer Bären. Neben Wassertieren, Eichhörnchen und Gefiedertem ist an der rechten Flanke neben der Tür auch ein Äffchen mit einem Schulbuch unter dem Arm und einem Apfel in der Hand abgebildet. Dieses gefiel der Baukommission ganz und gar nicht. Sie sah darin eine unangebrachte Parodie Mensch–Affe. Oder machte sich die Künstlerin etwa explizit lustig über die Schüler? In Stein gehauener Darwinismus am Schulhausportal? Ida Schär wurde angehalten, das unerwünschte Äffchen wieder zu entfernen und durch etwas «Passenderes» zu ersetzen.

Aber so einfach war das nicht. Wie man es von einer ernstzu- nehmenden Künstlerin erwartet, hat Schär nicht einfach so ein paar zufällig gewählte Tiere im Stein verewigt, sondern das Figurenprogramm einer ganz bestimmten Thematik unterstellt. Ihr Ansinnen versuchte sie in einem Schreiben an die Baukommission zu erläutern. Daraus geht deutlich ihr Unverständnis für die Bedenken derselben hervor. Erstens mal sei ein Affe ein Tier wie jedes andere auch und dazu noch ein besonders lustiges, was eine «dezente Darstellung» rechtfertige. Zweitens sei das Äffchen unverzichtbarer Bestandteil des Bildprogramms, welches die vier Temperamente darstelle, so führt die Künstlerin ihre Intention im Brief aus. Es stehe der Adler für die hohe Begabung, die Nüsse knackenden Eichhörnchen für den Fleiss, die Eule für Weisheit und Gedankentiefe, und die Bedeutung des Affen schliesslich erläutert die Künstlerin mit den Worten: Das Äffchen, das sein Schulbuch unter dem Arm fast vergisst über den Genuss des Apfels und das mitleidig lachend auf die zwei ängstlichen kleinen Mädchen herabsieht, die rechts unten sich nur zögernd in die Schule zu gehen getrauen, stellt das heitere Temperament dar.

 

Der Affe hat also seinen fes­ten Platz in der Botschaft, welche die Künstlerin mit dem Portalschmuck vermitteln will. Es lasse sich aus dieser Kette kein Glied lösen, ohne das Ganze zu zerstören, kommt sie zum Schluss. Sie könne sich die Gegnerschaft nur aus einem flüchtigen Betrachten der Figuren erklären. Sie hoffe, dass ihre Darlegung dazu beitrage, dass sich die Herren mit dem «armen, harmlosen Äffchen» zu versöhnen vermögen.

Diese Versöhnung scheint jedenfalls erfolgt zu sein: Der kleine Affe durfte bleiben, und bis heute lächelt der kecke Kerl aus Stein dem Hereinkommenden entgegen – und dem Herausgehenden hinterher.

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir Details mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach. Frühere Beiträge finden Sie online unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut.

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