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29.07.2015 00:00

Ein Ägerer Gesicht wird um die Welt geschickt

  • Für das Tell-Denkmal in Altdorf und somit für das Brustbild
auf der populären Schweizer Briefmarke stand der Landwirt
Dominik Iten aus Unterägeri Modell. Die Zeichnung von 1922
zeigt ihn in fortgeschrittenem Alter.
    Für das Tell-Denkmal in Altdorf und somit für das Brustbild auf der populären Schweizer Briefmarke stand der Landwirt Dominik Iten aus Unterägeri Modell. Die Zeichnung von 1922 zeigt ihn in fortgeschrittenem Alter. | PD
PHILATELIE ⋅ Das Antlitz eines Ägerers ist auf einer der populärsten Schweizer Briefmarkenserien zu sehen. Wie kommts?

Er ist so etwas wie der Prototyp des gestandenen Urschweizers, ein Mannsbild wie aus dem Bilderbuch. Gross, kräftig wie ein Bär, ein dichter Vollbart, Beine wie Baumstämme und eine aufrechte, stolze Haltung. Die berühmteste Darstellung vom legendären helvetischen Volkshelden Wilhelm Tell aus Bürglen steht mitten in Altdorf. Hunderttausendfach fotografiert und von Besuchern bestaunt, ist das berühmte Denkmal für unseren Landeshelden auf dem Rathausplatz des Urner Kantonshauptortes eines der bekanntesten Monumente des Landes.

Seit dem 28. August 1895 beherrscht der stattliche Tell anmutig mit geschulterter Armbrust und Sohn Walterli das Zentrum Altdorfs. Erschaffen hat das Bronzestandbild der Schweizer Bildhauer Richard Kissling (18481919), dessen Vorschlag beim ausgeschriebenen Wettbewerb unter 30 eingereichten Entwürfen als Siegerprojekt hervorgegangen war. Der ehemalige Zuger Stadtbibliothekar Hans Koch (1907–1987) wusste einst zu berichten, wie Bildhauer Kissling im Ägerital auf denjenigen Mann gestossen war, der ihm für seine Tell-Statue Modell stehen sollte. Auf einem Urner Viehmarkt, so beschreibt Koch, soll Kissling auf den Unterägerer Bauern Dominik Iten-Zumbach getroffen sein. Als Viehhändler nahm Iten am Markt teil. Kissling besuchte darauf den Ägerer auf dessen Hof im Moos. Als er auf seinem Landwirtschaftsbetrieb eintraf, soll er Iten eine Sense geschultert mit seinem Buben an der Hand angetroffen und mit Begeisterung gerufen haben: «Das ist mein Tell!»

Dominik Iten soll ein kräftiger Hüne gewesen sein, ein «Schrank», wie man hierzulande auch umgangssprachlich zu sagen pflegt. Sowohl seine Statur als auch seine markanten, urigen Gesichtszüge waren für Bildhauer Kissling offensichtlich die gewinnbringende Vorlage für die Altdorfer Tell-Statue mit Iten junior als Walterli. Dieser spannenden Begebenheit und mehr widmet sich übrigens die aktuelle Ausstellung «Prägend seit Jahrhunderten» der Korporation Unterägeri, die noch bis Ende September im Verwaltungsgebäude an der Zugerbergstrasse 21 zu sehen ist (wir berichteten).

Mit der Tell-Statue in Altdorf aber hört die «Verwendung» von Dominik Itens Gesicht noch nicht auf. Das Konterfei der Schweizer Nationallegende und somit das Antlitz des Unterägerers – zierte ab 1914 bis Mitte 1930er-Jahre eine der bisher populärsten Schweizer Briefmarken. Das Tell-Brustbild, welches dem Kissling-Denkmal eins zu eins entlehnt worden ist, wurde für Marken mit einem Wert von 10 bis 30 Rappen in unterschiedlichen Farben verwendet – violett, grün, braun, blau, orange... Da diese Marken in rauen Mengen gedruckt worden sind und es heute noch immer entsprechend viele davon gibt, sind sie meist von geringem monetärem Wert und auch bei Sammlern nicht sonderlich begehrt. Es sei denn, es handelt sich etwa um seltene Kehrdrucke, eine Sonderedition oder um ein Exemplar, das wegen anderer Eigenheiten einen gewissen Sammlerwert hat.

Dominik Itens Gesicht wurde demzufolge über viele Jahre hinweg rund um die Welt geschickt als Wertzeichen für Postsendungen.

Andreas Faessler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach.

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