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11.01.2017 07:37

Ein Blick Richtung Westen

  • Am Kirchturm in Cham hängt ein geheimnisvolles Gesicht aus Stein.
    Am Kirchturm in Cham hängt ein geheimnisvolles Gesicht aus Stein. | Bild: Stefan Kaiser (Cham, 6. Januar 2017)
  • m Boden aus betrachtet wirkt das geheimnisvolle Gesicht am Chamer Kirchturm ganz klein und ist kaum zu erkennen. Worum es sich bei dieser Fratze handelt und was sie bedeutet, bleibt wohl ein Rätsel.
    m Boden aus betrachtet wirkt das geheimnisvolle Gesicht am Chamer Kirchturm ganz klein und ist kaum zu erkennen. Worum es sich bei dieser Fratze handelt und was sie bedeutet, bleibt wohl ein Rätsel. | Bild: Stefan Kaiser (Cham, 6. Januar 2017)
CHAM ⋅ Narrenmaske, Jakobiner oder ein Türkenkopf? Aus der Mauer des Chamer Kirchturms ragt ein mysteriöses Gesicht. Seine Bedeutung ist nicht klar, umso abenteuerlicher sind dafür die Interpretationen.

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Man muss schon sehr genau hinsehen, um es zu bemerken, geschweige denn überhaupt zu erkennen – am besten nimmt man ein Fernglas: Unser heutiges Fundstück entdeckt man nämlich weit oben am 75 Meter hohen Turm der Chamer Pfarrkirche. Aus der Ferne betrachtet ist es bloss ein kleines dunkles Etwas, welches da zwischen Spitzbogenfenster und Zifferblatt auf der nach Westen gerichteten Turmseite aus dem spätgotischen Gemäuer ragt. Es handelt sich dabei um ein Gesicht mit dem Anschein nach eigenwilliger Turmfrisur.

Was es für ein Gesicht sein soll und warum es hier prangt, darüber scheiden sich die Geister. Während es bereits wiederholt als Narrenkopf gedeutet worden ist, spricht eine andere Version von einem Jakobiner mit Jakobinermütze. Somit stünde die Fratze indirekt, aber sinnigerweise für den Kirchenpatron. Die Jakobiner waren eine politisch linke, antimonarchistische Vereinigung zur Zeit der Französischen Revolution. Der hl. Jakob wird unter Historikern als möglicher Namensgeber der Jakobiner angenommen, da er für die Herrschaft durch das Bürgertum steht – sein Zwillingsbruder Esau hingegen steht für das vererbte Regime, sprich für die Monarchie. Vor diesem Hintergrund soll die als Jakobiner gedeutete Fratze symbolisch an den Einfall der gefürchteten Franzosen im Jahre 1798 in der Zentralschweiz erinnern, nach Westen Richtung Frankreich schauend.

Diesem Erklärungsversuch hält Kunsthistoriker Josef Grünenfelder eine andere Version entgegen, welche aufgrund plausibel scheinender Tatsachen wohl als die wahrscheinlichere angesehen werden darf. Er deutet die neckische «Turmfrisur» des erschrocken dreinblickenden Gesellen nicht als Jakobinermütze, sondern als Turban. Eine wichtige Erkenntnis Grünenfelders liegt darin, dass das Gesicht von der Machart her auf die Erbauungszeit des Kirchturmes, also die Zeit der Spätgotik gegen Ende des 15. Jahrhunderts hinweist. Unter diesem Aspekt wäre die Maske über 300 Jahre vor dem Einfall der Franzosen entstanden. Zwar handelt es sich beim heutigen Gesicht um eine Kopie, 1959 vom Chamer Bildhauer Schiess angefertigt – mit Steinmetzzeichen –, aber dem Original 1:1 nachempfunden. Und laut Grünenfelder entspricht nicht nur die Art der Halbplastik für eine Entstehung im 15. Jahrhundert, sondern auch die Weise ihrer Vermauerung im ursprünglichen Verband. Entsprechend dieser Theorie handelt es sich bei dem Gesicht am Chamer Kirchturm um einen Türkenkopf. Dieser wiederum steht symbolisch für die Bedrohung des Christentums durch den Islam.

Wenn man so will, so liesse sich die Maske in der Chamer Kirchturmmauer gar als Türkenkopf beschreiben, der vom Rumpf abgetrennt worden und am Sims des Turmes aufgehängt worden ist. Dann wäre die Botschaft ziemlich deutlich: Das Christentum hat den Islam besiegt. Auch an der Oswaldskirche in Zug ist so ein Symbol des Türkenkopfes vorhanden: An der Königspforte kämpft der hl. Oswald mit dem Heiden Cadwallon – die Szene findet auf dem abgeschlagenen Haupt eines Muselmanen statt («Hingeschaut» vom 18. August 2014). Die Präsentation des Chamer Turbanträgers so exponiert am Turm der Pfarrkirche dürfte gemäss Grünenfelder möglicherweise dazu dienen, von Westen herkommendes Ungemach abzuwenden.

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