ZUG

Ein Fährmann braucht Seeblick

Perforierte Leichtigkeit trotz metallener Schwere – die faszinierende Skulptur eines bedeutenden Bildhauers steht auf Privatgrund. Und ist doch für die Öffentlichkeit sichtbar. Zum Glück.
30.09.2015 | 00:00

Ist es ein Fisch? Ein überdimensionales Monsterinsekt? Ein Reptil? Oder ist seine Natur doch eher menschlich? Die Plastik heisst «Ferryman», also Fährmann – demzufolge ist auf ein humanoides Gebilde zu schliessen. Die angetönten Extremitäten untermalen den Eindruck. Die übermannshohe Bronzeskulptur steht am Aufgang zum Haus Chamerstrasse 2 in Zug, von der Strasse her gut sichtbar und dennoch leicht übersehbar – weil das menschliche Blickfeld oft unbewusst an der Grenze zu Privatgrundstücken endet. Doch hier lohnt es sich, in den Eingangsbereich zu spähen.

Der «Ferryman» nämlich stammt von einem der bedeutendsten Bildhauer der Gegenwart. Der Brite Tony Cragg (*1949) begann bereits während seines Studium, seinen Fokus von der Malerei zum plastischen Schaffen zu verlagern. Mehrfach ausgezeichnet und an der Biennale in Venedig das Vereinigte Königreich vertretend, avancierte Cragg zum international angesehenen Künstler. Die monumentale Bronzeskulptur an der Chamerstrasse aus dem Jahre 2001 entstammt einer Werkreihe, die Cragg unter der Überschrift «Enveloppes» vereint hat, was auf Deutsch etwa so viel bedeutet wie Umhüllungen.

Der Zuger Cragg-Fährmann ist nicht der Einzige seiner Art. In Wien etwa, Kansas City oder mehreren Galerien befinden sich Gebilde gleichen Namens. Ihnen allen ist die Machart gemein: Sie sind schwarz, geschmeidig, stehend oder liegend, weisen Wölbungen und Ausbuchtungen auf, sind siebartig durchlöchert, wie perforiert, was ihnen trotz ihrer Schwere eine filigrane Leichtigkeit gibt.

Eigentümer des Zuger Fährmanns ist Richard Blum, Gründer der Blum & Partner Rechtsanwälte mit Sitz im Haus an genannter Adresse. Blum entschied sich für die Cragg-Figur, weil seine Skulpturen beim Betrachten zahlreiche Gesichter und Wesenszüge vereinen, je nach Fantasie. Da es sich hier aber per definitionem um eine Gestalt handelt, die eine Fähre lenkt – sei es nun ein herkömmlicher Steuermann oder die mythologische Gestalt, die Verstorbene ins Jenseits hinüberschippert –, so soll sie ihren Blick auf den See schweifen lassen können. Ein Fährmann, der nicht aufs Wasser sehen kann, sei unglücklich, lässt der Eigentümer ausführen. Die Skulptur aber soll Glück bringen.

Trotz der scheinbar luftigen Leichtigkeit bringt das Kunstwerk ordentlich Gewicht auf die Waage. Deshalb musste für die Anschaffung und Installation ein grosser Transporter mit Hebekran vorfahren, um den Fährmann behutsam an seinen Platz zu hieven. Der Künstler höchstpersönlich war nach Zug gekommen und sprach zur feierlichen Einweihung über sein Schaffen.

Bildhauer Cragg erwarb 2006 ein 15 Hektar grosses Privatgrundstück in Wuppertal. Er bevölkerte das Gelände nach und nach mit seinen Plastiken. Heute ist das Grundstück bekannt als Skulpturenpark Waldfrieden und ist eine Sehenswürdigkeit der Stadt an der Wupper.

Andreas Faessler andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach. Frühere Beiträge finden Sie unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

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