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Ein Ornament-«Vokabular» der Gotik

Der mittelalterliche Baustil kannte einige charakteristische Grundornamente. An der Mariahilfkapelle sind die wichtigsten nebeneinander dargestellt.
22.11.2016 | 14:15

Die um 1480 erbaute Mariahilfkapelle steht etwas im Schatten der Oswaldskirche, dies spätestes seit der Auflassung des einstigen Stadtfriedhofes. Der kleine spätmittelalterliche Saalbau mit Dachreiter hatte zuvor als Beinhaus gedient. Mitte 19. Jahrhundert wurde er zu einer Kapelle umgewandelt. Im Zuge dessen erhielt das Eingangsportal seine heutige neugotische Gestalt.

Diesem recht schlichten Portal mit zumeist geraden Formen gilt hier unser Augenmerk. Genauer gesagt der Portalbekrönung im Stil einer Zinnenmauer im Kleinformat. Neun Zinnen an der Zahl weisen insgesamt fünf blütenförmige Steinmetzarbeiten auf, symmetrisch angeordnet auf das nur einmal vorhandene Symbol in der mittleren Zinne zulaufend. Diese Aufreihung solcher blütenartiger Gebilde mutet an wie ein kleiner Schablonenkatalog für Formen, die in der Architektur der Gotik zur Anwendung kamen. Insbesondere in gotischem Masswerk, das wir hauptsächlich in den charakteristischen Spitzbogenfenstern, in Rosettenfenstern, an gotischen Retabeln oder in Balustraden vorfinden.

Das wohl am häufigsten anzutreffende Ornament der Gotik – aber auch Romanik – ist der so- genannte Vierpass, der in seiner klassischen Form wie ein vierblättriges Kleeblatt aussieht. Wir finden ihn an unserem Portal in den ersten zwei Feldern in unterschiedlicher Ausführung abgebildet. Ganz aussen als liegenden Vierpass mit Dreiviertelkreisbögen, gefolgt von selbigem in stehender Variante. Das dritte Feld von aussen zeigt ein sogenanntes liegendes Vierblatt. Ähnlich dem Vierpass, weist es anstelle der Kreise eine Blattform auf. Auch diese Form findet sich an gotischen Bauwerken häufig sowohl in kleiner Form als Einzelornament als auch als übergeordnetes Zierelement in Fenstern oder an Fassaden.

Das Ornament in der vierten Zinne von aussen hebt sich von den anderen deutlich ab. Bekannt unter der Bezeichnung «Fischblase» fand dieses Element hauptsächlich in der Spätgotik Verbreitung und auch Weiterentwicklung. Eine geschwungene Form, auf der einen Seite spitz zulaufend, auf der anderen kreisförmig abschliessend, bildet in mehrfacher Anordnung wiederum einen vollständigen Kreis. Dies funktioniert bereits mit zweifacher Ausführung wie bei unserem Beispiel an der ­Mariahilfkapelle. Alternativ nennt man diese Art der Fischblase auch «Zweischneuss».

Und zu guter Letzt findet sich im mittleren Zinnenfeld ein gegen unten offener, liegender Dreipass, welcher die Form des Masswerks im Kapellenfenster über dem Portal auffasst.

Unschwer ist zu erkennen, dass die Ornamente der Gotik durch die Natur inspiriert sind, hauptsächlich von der Pflanzenwelt. Das Portal der Mariahilfkapelle liefert uns ein spannendes «Vokabular» der gängigsten Formen.

Hinweis: Mit «Hingeschaut!» gehen wir Details mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach.

Andreas Faessler

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