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08.11.2016 12:12

Ein Zeichen für zu früh erloschenes Leben

  • Die abgebrochene Marmorsäule erinnert an die drei Buben, die auf der Wilbrunnenstrasse in Unterägeri einen gewaltsamen Tod fanden.
    Die abgebrochene Marmorsäule erinnert an die drei Buben, die auf der Wilbrunnenstrasse in Unterägeri einen gewaltsamen Tod fanden. | Bild Lilo Sterki
UNTERÄGERI ⋅ Die Marmorsäule im Ried bei Unterägeri erinnert an ein tragisches Unglück vor 90 Jahren, bei dem drei Kinder auf einen Schlag getötet worden sind. Die Art der Säule ist von starker Symbolkraft und somit bewusst gewählt.

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

 

Noch in den 1940er-Jahren war es in ländlichen Dörfern eine halbe Sensation, wenn ein Auto angefahren kam. Viele Neugierige rannten dann an die Strasse und schauten dem Wagen hinterher. Was es erst für ein Spektakel gewesen sein muss, wenn ein Flugzeug im Dorf landete, kann man sich ausdenken. So geschehen in Unterägeri am 29. September 1926 kurz vor 11 Uhr. Bei der Wilbrunnen-strasse musste Leutnant Hugo Mauerhofer seine Häfeli DH-3 der Schweizer Luftwaffe notlanden, weil sich ein Blechteil gelöst hatte und dem Piloten die Sicht verdeckte.

Während Mauerhofer gemeinsam mit seinem Begleitoffizier, Leutnant Walter Rohner, den Schaden behob, eilte das halbe Dorf aus Neugier herbei und schaute den Militärs zu. Eine knappe Stunde später war die Maschine wieder flott, und Mauerhofer setzte auf der Wilbrunnen-strasse zum Start an. Aus lauter Übermut rannten zwei Buben vor der sich in Bewegung setzenden Maschine her, ein weiterer Junge beobachtete das Geschehen direkt neben einem Bäumchen am Strassenrand stehend. Als die Maschine mit einem Rad – wohl wegen zu wenig Luft im Reifen – von der Strasse abkam, streifte ein Flügel das Bäumchen und erschlug den dort stehenden Knaben. Mauerhofer schaffte es nicht, seine Maschine richtig hochzuziehen, worauf die beiden Buben vor dem Flugzeug von Propeller und Tragfläche erfasst und sofort getötet wurden. Die Maschine schlug auf dem Boden auf, kippte vornüber und blieb im Ried stecken. Die zwei Flugzeuginsassen blieben unverletzt. Der Schock bei den Unterägerern sass tief: Drei Kinder im Alter von 8 und 12 Jahren verloren auf der Wilbrunnen-strasse innert weniger Sekunden ihr Leben. Alle drei hiessen Josef.

Zum Gedenken an das traurige Schicksal der drei Buben wurde an der Stelle, wo sie so gewaltsam zu Tode kamen, eine Erinnerungssäule errichtet. Später ergänzte die Gemeinde Unterägeri die Säule mit einer Tafel, welche den Unfallhergang beschreibt. Auf der Marmorsäule sind die Namen der drei Buben eingraviert: Josef Wilpert, Josef Steiner, Josef Iten. Das Monument steht auf einer klassischen, so genannten attischen Säulenbasis im römischen Stil. Ihre starke Symbolkraft liegt in ihrer Unvollendetheit – die Säule ist gegen obenhin abgebrochen.

Das Motiv der abgebrochenen Säule findet man häufig auf alten jüdischen, aber auch christlichen Friedhöfen. Oft allein stehend, oft auch mit einer Trauerfigur, die sich auf dem Säulenstumpf abstützt. Die berühmteste Gedenkstätte mit einer solchen abgebrochenen Säule ist das (vermeintliche) Mozart-Grab auf dem St.-Marxer-Friedhof in Wien. Diese Art Säule steht sinnbildlich für ein zu früh beendetes Leben – der Verstorbene ist aus der Blüte seines Lebens gerissen worden. Auf manchen Säulen liest man die Inschrift frangor, non flector (Ich werde gebrochen, nicht aber gebeugt).

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir Details mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach. Frühere Beiträge finden Sie online unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

Andreas Faessler

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