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03.06.2015 05:00

Ein dekoratives Scheinfenster

  • Das grosse Chorfenster der Klosterkirche Frauenthal ist nicht echt: Die Bleiverglasung ist lediglich aufgemalt.
    Das grosse Chorfenster der Klosterkirche Frauenthal ist nicht echt: Die Bleiverglasung ist lediglich aufgemalt. | Bilder Maria Schmid
HAGENDORN ⋅ Nicht alles, was wir als echt empfinden, ist es auch. Das gilt ebenso für die Architektur. Ein einfaches, aber dafür umso effektvolleres Beispiel liefert die Klosterkirche Frauenthal.

Wir werden im Alltag öfter an der Nase herumgeführt, als wir denken. So vieles ist Schein und gaukelt eine Realität vor, die so nicht existiert. Das mag für alle Bereiche des Lebens und des Daseins gelten. Manchmal aber haben Täuschungen einen ästhetischen Zweck und nicht, den Betrachter etwa gar mit böser Absicht hinters Licht zu führen.

In der Architektur beispielsweise werden sogenannte Trompe-l’Œils angewendet, um einem Gebäude oder Gebäudeteil malerisch eine optische Erweiterung oder Veränderung zu verleihen und das Auge zu täuschen. Genau dies bezeichnet schliesslich der Begriff des Trompe-l’Œil. Das fängt «harmlos» an mit Aussenwänden, die so bemalt sind, dass der Eindruck entsteht, sie bestünden aus Quadersteinen. Oder um gleich mit der grossen Kelle anzurühren: Zahlreiche Kirchen mit flach überwölbtem Innenraum wurden in der Barockzeit mit gemalten Scheinarchitekturen versehen, die dem Besucher einen illusionistischen Raum vorgaukeln. So unter anderem in der Pfarrkirche Cham. Das Hauptgemälde an der Decke zeigt Jesus in einem perspektivisch meisterhaft konzipierten Kuppelsaal.

Eine Scheinarchitektur der anderen Art finden wir beispielsweise an der Kapelle Jagdmatt in Erstfeld. Der Eingang wird von je einem prächtigen Seitenaltar mit schwungvollen Rokokoformen flankiert, so vorzüglich an die Wand gemalt, dass die Zweidimensionalität erst beim genaueren Hinsehen erkennbar wird. Oder die Klosterkirche Fahr im Kanton Aargau. Hier besteht fast das ganze Kirchengebäude sowohl aussen als auch innen aus illusionistischer Malerei und Scheinarchitektur. Sehr sehenswert.

Nicht ganz so imposant und spektakulär wie die soeben angeführten Beispiele, aber dafür umso echter wirkt die Täuschung, um die es im «Hingeschaut!» von heute geht. Die Klosterkirche der Zisterzienserinnen zu Frauenthal in Hagendorn weist ein grosses gotisches Chorfenster mit Masswerk (Steinmetzarbeiten im Spitzbogen) und Bleiverglasung auf. Von innen ist das Fenster jedoch nicht zu sehen, sondern nur von aussen. Scheinbar. Denn es handelt sich um kein eigentliches Fenster (mehr), die Butzenscheiben sind nicht echt, sie sind gemalt. Dieser Umstand ist vom Klosterhof aus gesehen kaum erkennbar. Als die Klosterkirche Frauenthal in den 1770er-Jahren nämlich ihre heutige barocke Umgestaltung erfuhr, kam der Hochaltar vor dieses gotische Fenster zu stehen, das dadurch komplett verdeckt und in der Folge funktionslos wurde. Also mauerte man das Fenster einfach von innen zu und versah es aussen mit der illusionistisch gemalten Bleiverglasung.

Etwas irritierend und so gar nicht ins Bild passend dabei ist das runde Loch im unteren Mittelteil des Scheinfensters. Dieses hat aber eine ganz bestimmte Funktion: Der barocke Hochaltar trägt in seinem bekrönenden Gesprenge einen goldenen Strahlenkranz, eine sogenannte Gloriole, aus deren Mitte das göttliche Licht leuchtet. Und dieses (Tages-)Licht tritt von aussen durch die runde Aussparung im Scheinfenster durch die Gloriole hindurch und erhellt den Innenraum vom Chor her. Ein damals beliebtes und sehr effektvolles Mittel für das barocke Gesamtkonzept einer Kirchenausstattung.

Im Jahr 2011 musste im Klostertrakt eine Aufzugsanlage eingebaut werden. Wo der Liftschacht verläuft, befanden sich ursprünglich eine Toiletteneinrichtung, die vermutlich aus der Erbauungszeit stammte. Hier existieren auf drei Stockwerken drei kleinere Fenster. Durch den Lifteinbau wurden auch diese Fenster überflüssig. Um die Fassade ihrer nicht zu berauben, entschied man sich in diesem Fall kurzerhand für denselben Trick wie beim Chorfenster vor rund 250 Jahren: Man entfernte die Sandsteinrahmen nicht, sondern beliess sie und malte einfach ein Flügelfenster auf die eingezogene Mauer.

Andreas Faessler andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach. Frühere Beiträge finden Sie unter www.zugerzeitung.ch/serien

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