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28.10.2015 00:00

Eine Brücke sorgt für Unmut

  • Luzern wehrte sich anno 1640 vehement gegen den Bau der Reussbrücke bei Hünenberg. Vergebens.
    Luzern wehrte sich anno 1640 vehement gegen den Bau der Reussbrücke bei Hünenberg. Vergebens. | Bild Stefan Kaiser
HÜNENBERG/SINS ⋅ Eine zweckgebundene Solidarität der Urkantone mit Zug und eine beleidigte Stadt Luzern: Um den Bau der Reussbrücke bei Sins um 1640 gabs ein grosses Hickhack.

Sie verbindet seit 375 Jahren das Zugerland mit dem Freiamt und ist weit und breit eine der schönsten gedeckten Holzbrücken. Ihrem Bau war ein kurzer, aber heftiger Streit zwischen den zwei bedeutenden Marktstandorten Zug und Luzern vorausgegangen. Der Zuger Landammann und Historiker Anton Weber (1839–1924) beschrieb die delikaten Umstände in einer ausführlichen Publikation.

Über die Reuss bei Hünenberg hatte hier zuvor ein seit dem 13. Jahrhundert belegter Fährbetrieb existiert. Im Jahr 1628 brachte man in Zug erstmals auf den Tisch, dass die Fähre durch eine Brücke ersetzt werden sollte, um den Güterverkehr mit den freien Ämtern erheblich zu erleichtern. Zwei schwere Fährunglücke mit vielen Todesopfern dürften den Plan zudem befeuert haben. An der folgenden Tagsatzung lehnte Luzern das Zuger Ansinnen jedoch vehement ab. Es fürchtete einen wachsenden Einfluss Zugs auf die freien Ämter und witterte Gefahr, dass der Stadt Luzern ein beträchtlicher Teil der Zolleinnahmen entfallen würde, welche die von der Reussstadt verwaltete Brücke in Gisikon abwirft.

Zwölf Jahre verstrichen, da griff Zug seinen Plan schliesslich erneut auf – und erhielt auch bald Verstärkung. Die drei Urkantone nämlich waren sauer auf die Stadt Luzern, weil sie mehr Bedingungen zu erfüllen und höhere Gebühren zu entrichten hatten als andere Orte, um am Luzerner Markt teilzunehmen. Sie fühlten sich schikaniert. Ob die Stadt Luzern dies so handhabte, weil sie wusste, dass die drei Länder kaum eine Alternative hätten? Luzern blieb hart und ignorierte die wiederholten Reklamationen aus Uri, Schwyz und Unterwalden.

So trafen sich diese drei Orte im Januar 1640 in Brunnen und zogen es in Betracht, künftig auf den Zuger Markt auszuweichen, falls Zug weniger hohe Bedingungen stellen würde. Wenn dies zuträfe, so solle es den Bauern in den Freien Ämtern untersagt werden, ihre Ware – hauptsächlich Getreide – weiterhin nach Luzern zu liefern, sondern sie dürften es nur noch nach Zug bringen.

Einen Monat später trafen sich alle erneut in Brunnen zur Sitzung, diesmal mit einer Vertretung aus Zug. Diese war bereit, dem Anliegen der drei Waldstätten gerecht zu werden und brachte auch gleich zur Sprache, eine eigene Brücke über die Reuss zu bauen – um als Gegenleistung die Zustimmung der drei Länder dafür zu erhalten. Unterwalden zeigte sich zwar vorerst skeptisch, hätte es doch einen abermaligen Verständigungsversuch mit der vorteilhafter gelegenen Stadt Luzern bevorzugt. Schlussendlich aber entschlossen die drei Urkantone, sich auf die Seite Zugs zu stellen und Zugs Bedingung, dem Brückenbau zuzustimmen, zu erfüllen. Dies aber vielmehr mit dem Ziel, Luzern unter Druck zu setzen, denn es war der Stadt sehr wichtig, ihren Status als Marktdrehscheibe zu halten. Dass ihre Zubringer, in diesem Fall die freien Ämter, andere eidgenössische Orte beliefern, sah Luzern ganz und gar nicht gerne, verboten aber war es nicht. Dass die drei Kantone die Reussstadt allerdings als vertrauten Marktstandort bevorzugen würden, lag auf der Hand.

Luzern war doppelt empört. Die drei Länder sind ihm in den Rücken gefallen, einerseits mit dem Versuch, in Zug einen konkurrierenden Markt zu fördern und andererseits mit der Baubewilligung ohne Rücksprache mit Luzern. Zug nutzte die Situation, begann sofort mit dem Brückenbau und drohte dabei jedem Zuger, der dagegen zu mucksen wagte, mit dem Entzug des Bürgerrechts oder gar mit dem Landesverweis. Luzern verlangte von Zug, dass es die Urkunden vorlege, die sein Recht auf den Brückenbau in Hünenberg belegen. Zug forderte Luzern im Gegenzug auf offenzulegen, warum es das Recht habe, den Bau zu verbieten. Uri, Schwyz und Unterwalden blieben auf der Zuger Seite. Luzern fragte in seiner Verzweiflung noch Freiburg und Solothurn nach ihrer Meinung. Aber es nützte alles nichts: Nach 16 Monaten war die Brücke zwischen Zug und den freien Ämtern unter der Leitung von Baumeister Michael Wickart erstellt, und das Getreide aus dem Freiamt wurde fortan auf dem Zuger Markt angeboten.

Spätestens mit Eröffnung der neuen Betonbrücke im Jahr 1996 hat die gedeckte, 1807 erneuerte Reussbrücke ihre wirtschaftliche Bedeutung vollends verloren – nicht aber ihren hohen historischen Wert.

Andreas Faessler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach. Frühere Beiträge finden Sie unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

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