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21.12.2016 05:00

Eine Kirche wird zum Gesamtkunstwerk

  • In zwei Etappen machte der Zuger Maler Fritz Kunz die Liebfrauenkirche in Zürich zu einem stilistisch homogenen Gesamtkunstwerk. Der Innenraum besticht mit einer klaren Bildsprache und farblicher Intensität. Bild: Andreas Faessler (20. Dezember 2016)
    In zwei Etappen machte der Zuger Maler Fritz Kunz die Liebfrauenkirche in Zürich zu einem stilistisch homogenen Gesamtkunstwerk. Der Innenraum besticht mit einer klaren Bildsprache und farblicher Intensität. Bild: Andreas Faessler (20. Dezember 2016)
ZUG/ZÜRICH ⋅ Für den wohl festlichsten Kirchenraum der Stadt Zürich zeichnet ein Zuger Künstler verantwortlich. Als ob er damit der zwinglianischen Strenge der örtlichen Kirchenlandschaft demonstrativ hat trotzen wollen.

Viele aber bekämpften ihn, wie sie alles bekämpfen, was die Geleise der Tradition beeinträchtigen könnte ... So schrieb Kunsthistoriker Josef Mühle (†1950) im Zuger Neujahrsblatt 1931 über den Kirchenmaler Fritz Kunz (†1947) aus Zug. Dieser hatte in der Tat nicht immer einen leichten Stand, denn konservative Schweizer Auftraggeber bevorzugten damals die stilistischen Nachfolger Melchior Paul Deschwandens für die künstlerische Gestaltung von Kirchenräumen. Fortschrittlich eingestellte Kirchenverwaltungen aber begegneten dem Zuger Künstler Fritz Kunz und seinem zukunftsweisenden Malstil mit Interesse und Wohlwollen, was ihm nach der Jahrhundertwende wichtige Aufträge einbrachte – zwei besonders prestigeträchtige aus der Stadt Zürich. Einer davon war die Ausgestaltung der Antonskirche in Zürich-Hottingen im Jahre 1921, worüber an dieser Stelle bereits zu lesen war.

Diesem Grossauftrag in der Limmatstadt war bereits ein anderer ebenda vorausgegangen: Für die von August Hardegger geplante und 1894 vollendete, zunächst mit ein paar Ornamentmalereien nur spärlich ausgestattete Liebfrauenkirche führte Kunz im Jahre 1906 die Gestaltung des Chorraumes aus. Im Folgejahr lieferte er Entwürfe für die Mosaikarbeiten über den Seitenaltären. Zu diesem Auftrag ist Kunz gekommen, weil sich der Kirchenbauverein und der damalige Pfarrer nicht über die Ausstattung hatten einigen können, weshalb man diese vorerst auf Eis gelegt hatte. Erst auf Empfehlung von Pater Albert Kuhn, Geistlicher aus Einsiedeln,angesehener Kunsthistoriker und Förderer von Kunz, betraute man schliesslich diesen – er war selber gebürtiger Einsiedler – mit der Gestaltung der Kirche. Zu diesem Zeitpunkt waren auch endlich genügend finanzielle Mittel zusammengekommen.

 

Doch damit sollten Fritz Kunz’ Arbeiten in diesem Gotteshaus noch nicht vollendet sein: Als der Erste Weltkrieg vorbei war und die Wirtschaft sich so weit erholt hatte, dass die Pfarrei mit der weiteren Ausgestaltung der Kirche fortfahren konnte, beauftragte sie erneut den Zuger Maler. In den Jahren 1922 und 1923 schuf er den riesigen Bilderzyklus «Das Leben Jesu» am Lichtgaden der Kirche beidseits des Mittelschiffes sowie das Mosaik über dem Westportal. Diese Werke entwarf Fritz Kunz in seinem Atelier in der Villa Lauried in Zug.

 

Fritz Kunz hat die im Zürcher Stadtbild einen starken Akzent setzende Liebfrauenkirche zu einem eindrucksvollen, stilistisch in sich homogenen Gesamtkunstwerk gemacht: Das wuchtige katholische Gotteshaus mit markantem Campanile ist baulich den frühchristlichen Basiliken nachempfunden. Somit hat Pater Albert Kuhn mit Fritz Kunz insofern eine besonders weise Wahl getroffen, als Letzterer durch mehrjährige Aufenthalte in Italien seine Kunstform entwickelt hat. Durch das Studium altchristlicher Mosaiken aus Byzanz sowie der Freskenkunst eines Giotto oder Raffael, die Betrachtungen des Quattrocento, aber auch die Auseinandersetzung mit der Beuroner Schule verstand es Fritz Kunz wie kein anderer, den Innenraum einer neoromanischen Basilika mit so charakteristischer Formensprache in einen derart wohltuenden Einklang zu bringen.

In der Apsis thront der Christkönig mit Maria und Johannes dem Täufer, ausgeführt in feinster Mosaikarbeit. Auf der Wand um die Apsis sind neben dem Lamm Gottes sechs Engel und die 24 Ältesten aus der Johannes-Offenbarung sowie die 12 Apostel gemalt. Auf der Wand um den Chorbogen fasst Fritz Kunz das Verkündigungsthema auf, bekrönt von der Darstellung der vier Evangelisten. Damit leitet er auf den später hinzugekommenen Bilderzyklus aus dem Leben Jesu über.

 

Die Mosaike, Fresken und Malereien von Fritz Kunz in der Zürcher Liebfrauenkirche legen eindrucksvoll Zeugnis ab einerseits von dessen ausgewiesenem Kunstverständnis und andererseits von seiner Sattelfestigkeit in den angewandten Techniken. Hier entfaltet der Künstler seine symbolstarke, aber gut verständliche Monumentalkunst, für die er der Nachwelt im Gedächtnis geblieben ist, auf faszinierende Weise. Die intensive Farbgebung mit starker Leuchtkraft verleiht dem mit edelsten Baumaterialien ausgestatteten Raum eine Festlichkeit, die ihresgleichen sucht. Fast könnte der Eindruck entstehen, dass der Auftraggeber – oder auch der Künstler selbst – mit diesem sakralen Erlebnis für die Augen demonstrativ einen klaren Gegenakzent zur nüchtern-zwinglianischen Kirchenlandschaft in der Stadt Zürich setzen wollte.

 

Mit der Ausgestaltung der Liebfrauenkirche hat Fritz Kunz in der Entwicklung der Schweizer Kirchenmalerei ein wichtiges Zeichen gesetzt – und sich selbst ein Denkmal. Wie bereits im «Hingeschaut» zu Kunz’ Malereien in der Antonskirche Zürich (Ausgabe vom 6. November 2013) erwähnt, harrt der schaffenskräftige, einst hoch angesehene Kirchenmaler seiner verdienten posthumen Wertschätzung – allmählich, wenn auch langsam, entdecken Kunsthistoriker den künstlerischen Wert seiner Arbeiten neu. Sollte der zurzeit noch eher unwahrscheinliche Fall eintreten und Zürich zu einem selbstständigen Bistum erklärt werden, so könnte dies der Bekanntheit von Fritz Kunz einen wertvollen Schub verleihen – wenn die Liebfrauenbasilika zur Bischofskathedrale erhoben wird.

Andreas Faessler
andreas.faessler@zugerzeitung.ch

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