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13.04.2016 00:00

Eisernes Zeichen einer starken Verbundenheit

  • Das Bocholter Kreuz auf dem Walchwiler Berg hat Pfarrer Egon Schmitt als Zeichen seiner Dankbarkeit für die Walchwiler Gastfreundschaft aufstellen lassen.
    Das Bocholter Kreuz auf dem Walchwiler Berg hat Pfarrer Egon Schmitt als Zeichen seiner Dankbarkeit für die Walchwiler Gastfreundschaft aufstellen lassen. | Bild Andreas Faessler
  • Pfarrer Egon Schmitt (ganz rechts) mit Besuchern aus Bocholt bei der Einweihung des Kreuzes im Mai 1984. Pfarrer Heinrich Westhoff hält die Ansprache.
    Pfarrer Egon Schmitt (ganz rechts) mit Besuchern aus Bocholt bei der Einweihung des Kreuzes im Mai 1984. Pfarrer Heinrich Westhoff hält die Ansprache. | PD/Pfarrei St. Georg, Bocholt
WALCHWIL ⋅ Eine Freundschaft zwischen dem Walchwiler Pfarrer mit einem Geistlichen des Bistums Münster stand einst am Anfang eines langjährigen Austausches. Ein Kreuz auf dem Walchwilerberg zeugt von dieser Verbindung – die noch immer existiert.

Andreas Faessler

Mindestens die regelmässigen Spaziergänger auf dem Walchwilerberg kennen das so genannte «Hansechrüz» in der Weggabelung südlich vom Restaurant Pfaffenboden. Es ist ein markantes, aber schlichtes Holzkreuz, das – 1996 erneuert – vermutlich nach «s Hanse» benannt ist, die früheren Besitzer des etwas unterhalb gelegenen Hofes Turndliberg. Unmittelbar neben dem «Hansechrüz» in derselben Weggabelung: ein Nagelfluhfindling, eine rustikale Sitzbank, ein Zierstrauch und – noch ein weiteres Kreuz. Ein schmiedeeisernes auf Granitsockel.

Dieses filigrane Eisenkreuz erinnert an eine ganz besondere persönliche Beziehung zwischen der Gemeinde am Zugersee und der nordrhein-westfälischen Stadt Bocholt im Münsterland, nahe der niederländischen ­Grenze. Eine heute nicht mehr vorhandene Inschrift verriet dem Vorbeikommenden einst, dass das Kreuz im Mai 1984 von einem gewissen Pfarrer Egon Schmitt und der Bocholter Pfarrgemeinde St. Georg gestiftet worden ist als Dank an die Gemeinde Walchwil und Pfarrer Josef Schlumpf (1896–1970).

Um diese Begebenheit zu schildern, sollte vorweg erwähnt sein, dass eine Verbindung zwischen Walchwil und dem Bistum Münster, zu dem die Stadt Bocholt gehört, offenbar bereits in den 1950er-Jahren existiert hatte. Ein Hinweis findet sich in der Walchwiler Pfarrkirche: Im Fenster zwischen Kanzel und dem linken Seitenaltar ist das Wappen von Michael Keller, von 1947 bis 1961 Bischof von Münster, abgebildet. Er unterstützte offenbar die Walchwiler Kirchenrenovation anno 1959 und stiftete dieses Wappen mit der Inschrift Michael Episcopus Monasteriensis. Heinrich Westhoff, von 1979 bis 1994 Pfarrer von St. Georg in Bocholt, weiss darüber folgendes zu berichten: «Die hohen Herren benutzten damals noch die Eisenbahn, um ihre Pflichtbesuche im Vatikan zu absolvieren. Man fuhr zunächst bis Zug oder bis Arth und nahm sich Zeit, um unterwegs nicht nur die Berglandschaft der Zentralschweiz, sondern auch die Gastfreundschaft eines befreundeten Geistlichen zu geniessen.» Dabei dürfte es sich um Pfarrer Josef Schlumpf (1896–1970) gehandelt haben, der ab September 1942 Pfarrer von Walchwil gewesen war. Vermutlich war der Kontakt durch dessen Studienaufenthalte in Deutschland zu Stande gekommen.

Während eines späteren Studienseminars machte Pfarrer Schlumpf schliesslich Bekanntschaft mit Egon Schmitt, seit 1963 Pfarrer von St. Georg in Bocholt. Gemeinsam sind die beiden später mit der Bahn nach Rom gefahren und haben wie einst die Herrschaften der Diözese in Walchwil Halt gemacht. Bald organisierte Pfarrer Schmitt für Bocholter Kinder Ferienfahrten auf den Walchwilerberg. Sie fanden in der Forsthütte im Pfaffenboden Unterkunft. Arnold Rust von der heutigen Chäshütte, dessen Eltern Pächter des Pfaffenbodens waren, erinnert sich noch gut daran: «Sechs Wochen war Herr Schmitt mit Kindern aus Bocholt auf dem Walchwiler Berg. Drei Wochen mit einer Mädchengruppe und noch mal drei Wochen mit den Buben.» Er habe stets sein eigenes Kochpersonal mitgebracht. Rust: «Wir haben zwei Schweine von unserem Hof geschlachtet für die Gäste aus Bocholt.»

Der Besuch wollte nämlich gestärkt sein, denn – so weiss Arnold Rust weiter – Pfarrer Schmitt habe mit den Schülern stets grosse Ausflüge unternommen, und zwar meist zu Fuss, da man nicht mobil war. «Oft sind sie zum Baden gegangen nach Unterägeri oder runter nach Walchwil. Sie unternahmen Wanderungen auf den Wildspitz und auf die Rigi. Mit den Buben war Pfarrer Schmitt unter anderem auf dem Mythen, dem Uri Rotstock oder sogar auf dem Krönten.» Auch das Bundesbriefarchiv in Schwyz, der Tierpark Goldau oder die Baarer Höllgrotten zählten zu ihren Ausflugszielen. Ab 1965 verfügten die Rusts über einen Bus. «Diesen haben wir den Gästen auf Wunsch zur Verfügung gestellt, wenn da oder dort mal die Kraft ausgegangen war», erzählt Arnold Rust.

Rund 15 Jahre lang kam Egon Schmitt regelmässig mit Boch­olter Kindern auf den Walchwilerberg. Als die Korporation Walchwil, Besitzerin des Pfaffenbodens, 1980 die Forsthütte nach einem Brand in das heutige Restaurant umgebaut hatte, gab es keine Möglichkeit mehr für die Klassenfahrten nach Walchwil. Pfarrer Schmitt aber ist weiterhin gekommen und hat oft im Hotel Aesch übernachtet. Er pflegte während den Besuchen jeweils seine zahlreichen Kontakte in der Region, welche über all die Jahre entstanden und gewachsen waren. «Herr Schmitt liebte die Berge über alles», sagt Arnold Rust. «Er kam oft bei uns vorbei und trank eine warme Milch. Er ging fast nie weiter, ohne vorher noch einen Zuger Kirsch getrunken zu haben. Den mochte er sehr gerne», weiss er.

Am 26. Dezember 1983 feierte Egon Schmitt in Bocholt sein goldenes 50-Jahr-Priesterjubiläum. Im Wissen um Schmitts innige Liebe zu den Schweizer Bergen schenkte ihm die Pfarrei St. Georg aus diesem Anlass ein schmiedeeisernes Kreuz, damit er es in Walchwil aufstellen lassen könne. Hierbei kam dem Pfarrer entgegen, dass Arnold Rust damals Präsident der Korporation Walchwil war. Und da die Weggabelung beim «Hanse­chrüz» auf Korporationsboden liegt, wurde dieser Ort für das Bocholter Kreuz gewählt. «So brauchten wir uns nicht extra noch um eine Bewilligung der Gemeinde zu kümmern», so Rust. Im Rahmen eines Ferienaufenthaltes der Bocholter Frauengemeinschaft von St. Georg in Walchwil wurde Egon Schmitts Kreuz am 20. Mai 1984 aufgestellt und feierlich eingeweiht. Neben Jubilar Schmitt waren überdies der bereits genannte Bocholter Pfarrer Heinrich Westhoff dabei sowie Walter Vinnenberg, ein weiterer Geistlicher aus der Stadt im Münsterland. «Die ganze Gruppe aus Bocholt wohnte im Hotel Aesch», erinnert sich Rust.

Pfarrer Schmitts Verbundenheit mit Walchwil und seine regelmässigen Besuche hielten an bis zu seinem Tod. Egon Schmitt verstarb am 3. Februar 1998 im 65. Jahr seines Priestertums. Rückblickend kann Arnold Rust sagen, dass Pfarrer Schmitt in seiner Heimat eine angesehene Person gewesen sein muss. «Er hatte wohl viele Kompetenzen», sagt der Walchwiler. Tatsächlich soll Pfarrer Egon Schmitt sogar als Nachfolger von Bischof Michael Keller in Betracht gezogen worden sein, was Schmitt dem Anschein nach jedoch zurückgewiesen hat.

Mit Schmitts Tod verstummte der Kontakt zwischen Walchwil und Bocholt nicht. Der Pfarrer wurde auf seinen Ferienreisen mit den Bocholter Kindern oft von Bernhard Kösters begleitet, seinerzeit Kaplan in Bocholt. Dieser half mit, die Kinder während der Ferien in der Schweiz zu betreuen. Noch heute ist Bernhard Kösters mindestens einmal im Jahr zu Besuch in der Gemeinde am Zugersee. «Er liebt die Berge wie Pfarrer Schmitt und wandert auch genauso gerne», weiss Arnold Rust. Die Verbindungen zwischen Walchwil und der Stadt Bocholt existieren also immer noch. Auch wenn sie seit dem Ableben Pfarrer Schmitts etwas in den Hintergrund gerückt sein mögen.

Das Eisenkreuz auf dem Walchwilerberg ist sichtbarer Zeuge dieser lange gepflegten Freundschaft. Es wurde von einem Bocholter Kunstschmied nach historischen Mustern angefertigt. Eine Inschrift am Kreuzfuss lautet:

Im Kreuz ist Heil

Im Kreuz ist Leben

Im Kreuz ist Hoffnung

Die Plakette am Sockel, welche an Pfarrer Schmitt und den Grund für das Aufstellen des Bocholter Kreuzes erinnerte, ist aus unbekanntem Grund nicht mehr vorhanden.

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach. Frühere Beiträge finden Sie unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

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