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15.04.2015 00:00

Gläsernes Symbol der Selbstlosigkeit

  • Das Martinsfenster über dem Turmportal der Dülmener Kirche St. Viktor zeigt im rechten Feld die Baarer Pfarrkirche.
    Das Martinsfenster über dem Turmportal der Dülmener Kirche St. Viktor zeigt im rechten Feld die Baarer Pfarrkirche. | pd / Martin Kock
BAAR/DÜLMEN ⋅ In einem Kirchenfenster in Nordrhein-Westfalen ist die Pfarrkirche von Baar abgebildet. Damit wird an eine rührende Hilfsaktion erinnert, die heute leider so gut wie vergessen ist.

Wie wertvoll die Freundschaft zweier Menschen sein und was sie bewirken kann, durfte im Jahre 1948 auch die nordrhein-westfälische Stadt Dülmen erfahren. Das Zentrum des heute rund 46 000 Einwohner zählenden Ortes auf halber Strecke zwischen Recklinghausen und Münster wurde am 21. und 22. März 1945, kurz vor Ende des Kriegs, durch verheerende Bombenangriffe zu 95 Prozent in Schutt und Asche gelegt. Die Zeit nach Kriegsende war für die Menschen in Dülmen wie auch in den anderen zerstörten Städten Deutschlands besonders schwer. Es fehlte an allem, was zum Überleben nötig war. Der damalige Dülmener Kaplan Heinrich Klopries (19141991) pflegte freundschaftlichen Kontakt zu seinem ehemaligen Studienfreund Erich Boob (1912–2007), von 1938 bis 1954 Pfarrhelfer in Baar. Getrieben von der Not in Dülmen suchte Klopries bei seinem Baarer Freund um Hilfe an – und sollte damit reiche Früchte ernten: Im Handumdrehen startete Boob in der Zuger Gemeinde die grosse Aktion «Baar hilft Dülmen».

Tüchtig wurden in Baar Güter gesammelt, man ging von Tür zu Tür, um Spenden jeglicher Art zu erbeten. Die Grossherzigkeit der Baarer war enorm: Es wurden Kleider gespendet, haltbare Nahrungsmittel, Waschmittel, Schreibutensilien, Nähzeug und alles, was der Bevölkerung im Nachkriegsdeutschland irgendwie nützlich sein konnte. Selbstverständlich gestaltete sich der Transport der Güter angesichts der vorerst lediglich notdürftig in Stand gestellten Infrastruktur nicht einfach. Doch dank der Möglichkeiten des Schweizerischen Roten Kreuzes konnten am 27. Januar 1948 die ersten Hilfspakete aus Baar die Schweiz in Basel verlassen. Via Düsseldorf gelangte die Lieferung schliesslich nach Dülmen. Es sollten noch viele weitere Hilfslieferungen folgen insgesamt mehrere Eisenbahnwaggons voll. Die Freude und Dankbarkeit in Dülmen waren grenzenlos. Ein ergreifender Dankesbrief der Dülmener Schülerin Irmgard Kalwey nach Baar legt Zeugnis davon ab. Daraus spricht auch die tatsächliche Not – wie gross war allein die Freude über ein Stück Seife, um sich endlich wieder einmal richtig waschen zu können.

Die Brücke von Baar nach Dülmen blieb aber nicht nur in Form von wohltätigen Güterspenden bestehen. Zwischen der Höheren Mädchenschule von Baar und den Schülerinnen der Dülmener Overberg-Schule entstand ein reger Briefwechsel. Einige Baarer Schulklassen sammelten eigenmächtig weiterhin Hilfsgüter für Dülmen. Die Hilfsbereitschaft ging gar so weit, dass innerhalb von zwei Jahren insgesamt 60 Kinder aus Dülmen für je drei Monate bei Baarer Familien als Pfleglinge aufgenommen wurden.

Als das menschliche Leid im kriegszerstörten Deutschland einigermassen gelindert war, nahm man allmählich den Wiederaufbau des Landes in Angriff. Schwerst getroffen und so gut wie komplett zerstört war auch St. Viktor, die älteste Kirche Dülmens. Um den Wiederaufbau des historisch und ebenso ideologisch bedeutenden Bauwerks zu fördern, nahm der damalige Baarer Pfarrer Fridolin Roos (18981988) Kollekten zu Gunsten von St. Viktor auf. Der gesammelte Geldbetrag wurde investiert für ein neues Glasfenster über dem Turmportal der St.-Viktor-Kirche. Der in Dülmen geborene Maler und Glaskünstler Bernd Schlüter lieferte den Entwurf für das grosse spitzbogige Fenster aus patiniertem Antikglas. Mit der Ausführung wurde das renommierte Glaskunstunternehmen Hein Derix in Kevelaer betraut. Die zentrale Darstellung zeigt den heiligen Martin, den Baarer Kirchenpatron, wie er seinen geteilten Mantel schützend um den auf den Knien liegenden Bettler legt. Im linken Fensterfeld ist die Dülmener St.-Viktor-Kirche abgebildet, wie sie den zerstörerischen Flammen anheim fällt. Darunter das Dülmener Stadtwappen – ein blaues Kleeblattkreuz auf goldenem Grund.

Besonders interessant ist das rechte Fensterdrittel. Auf ihm ist die Baarer Pfarrkirche St. Martin mit ihrem charakteristischen Turmhelm zu sehen. Im Hintergrund die schneebedeckten Berge der Zentralschweiz. Im Teilfeld darunter prangt das Schweizer Landeswappen. Ober- und unterhalb der beiden Kirchenabbildungen ist ein Schriftzug eingearbeitet. Er lautet wörtlich: Einer trage des andern Last; so erfüllt ihr Christi Gesetz. Das Zitat entspricht dem Galaterbrief 6,2. So wie also Sankt Martin einst dem Bettler ritterliche Hilfe leistete, so uneigennützig halfen die Baarer den bedürftigen Bewohnern des nachkriegszeitlichen Dülmen. Von dieser herzerwärmenden Begebenheit erzählt das Martinsfenster zu St. Viktor bis heute.

Nachdem sich mit jedem Nachkriegsjahr die allgemeine Situation für die Bevölkerung Deutschlands verbessert hatte, die Lebensumstände für die Menschen wieder einfacher und die Nöte kleiner geworden waren, schlief der Kontakt zwischen Dülmen und Baar nach und nach ein. Die Zeit des Aufbruchs, das Neuerblühen einer Nation sowie das Entstehen neuer Generationen liessen auch die Hilfsaktion allmählich in Vergessenheit geraten. Einzig das Martinsfenster zu St. Viktor blieb als sichtbarer Zeuge bestehen. Es trug sich zu, dass der ehemalige Dülmener Lehrer Ludger Hillermann als Vorsitzender des dortigen Heimatvereins im Oktober 2003 seinen Sohn und dessen Familie in Zürich besuchte. Da er auf seinen für Schulklassen und Besucher der Stadt Dülmen organisierten Stadtrundgängen jeweils auch bei der St.-Viktor-Kirche und dem Martinsfenster vorbeikam und somit Kenntnis davon hatte, was die Geschichte dahinter ist, unternahm Hillermann einen Ausflug von Zürich nach Baar. Und siehe da: Er fand hier genau die Kirche vor, die unverkennbar im Dülmener Kirchenfenster abgebildet ist. Er stellte den Kontakt zur Gemeinde Baar her, aber die wichtigsten Auskunftgeber waren bereits nicht mehr unter den Lebenden. Doch liess man Hillermann einen Artikel zukommen, der im März 1948 im «Zugerbieter» erschienen war. Darin wird über die Aktion «Baar hilft Dülmen» berichtet.

An Heiligabend 2003 erschien in der «Dülmener Zeitung» ein grosser Artikel, der die Hilfsaktion nach all den Jahrzehnten wieder in Erinnerung rief. Und jetzt, 2015, tun wir dasselbe in unserem Blatt. Und nehmen als Anlass dazu bewusst das kunstvolle Kirchenfenster mit dem hl. Martin, der Dülmener Kirche St. Viktor und der Baarer Pfarrkirche St. Martin. Es ist ein Kulturgut, das einerseits durch seinen künstlerischen Wert besticht. Aber noch vielmehr ist es das eindrucksvolle Symbol für Grosszügigkeit, Selbstlosigkeit und vor allem Solidarität. Und davon könnte die Menschheit in Zeiten wie heute ohnehin wieder etwas mehr vertragen.

Andreas Fässler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach.

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