Home
20.01.2016 00:00

Hier geht wirklich die Sonne auf

  • Noch bis 21. Februar im Kunsthaus zu sehen: die «Panorama»-Serie von Jean-Frédéric Schnyder.
    Noch bis 21. Februar im Kunsthaus zu sehen: die «Panorama»-Serie von Jean-Frédéric Schnyder. | Stefan Kaiser / Neue ZZ
ZUG ⋅ Im Kunsthaus ist derzeit in der Ausstellung «Charaktere» eine sehenswerte Bilderreihe zu bestaunen. Gemalt hat sie der Zuger Künstler Jean-Frédéric Schnyder – ein Magier der Farben und Formen.

Wie eine vertikale Schweissnaht brennt sich die im Zugersee widerspiegelnde Sonne schon fast brutal ins Auge des Betrachters ein. Obwohl die Formate der 27 Bilder umfassenden Serie von Jean-Frédéric Schnyder klein sind, wirken die zwischen Juni und Dezember 1996 gemalten Sonnenaufgänge des 70-jährigen Künstlers, die derzeit im Zuger Kunsthaus ausgestellt sind, wie grosses Kino. Hollywood im Kleinen. Dabei ist keine seiner Impressionen kitschig – auch wenn Schnyder mit dieser Wahrnehmung spielt. Doch selbst die naturalistischen Spielarten seiner zarten Morgenröte atmen unterm Strich die Demut des staunenden Künstlers. Apropos. In den stets hälftig-horizontal komponierten Bildausschnitten – die den Charakter der Serie unterstreichen –, hat Schnyder diese Ehrfurcht vor der schönen Natur nicht in Gefühlsduselei umgemünzt, sondern in ein Panoptikum an Stilen verwandelt. Man könnte fast glauben, der Zuger Maler und Konzeptkünstler habe in seinen 27 Bildern einmal kurz die Kunstgeschichte Revue passieren lassen – so virtuos variiert er sein Sonnenaufgangssujet mit realistischen, impressionistischen, expressionistischen und abstrakten Pinselstrichen. Auf dem letzten, pastos gefurchten Bild meint man fast, Willem de Kooning habe die Sonne am Zugersee aufgehen sehen – als kosmisches Auge.

Doch Schnyder, dieser Magier der Farben und Formen und gleichzeitig sehr öffentlichkeitsscheue Autodidakt, lässt sich nicht festlegen. «Man kann diese Sonnenaufgänge weder stilistisch noch kunsthistorisch fest zuordnen», erklärt Matthias Haldemann, Direktor des Zuger Kunsthauses. «Man weiss nie genau, was man sieht, mal fesseln die subtilen Farbreize und wechselnden Lichtstimmungen, die mit lockerem Pinsel eingefangen sind, dann wirkt das Ganze wieder wie eine Parodie auf Turner, Monet, Hodler und die Sonntagsmaler.»

Wobei Haldemann noch auf andere interessante Facetten in Schnyders «Panorama»-Werkgruppe hinweist, die sich als Leihgabe des Kantons Zug in der Sammlung des Kunsthauses befindet. «Wir sehen im konstanten Blick auf die untergehende Sonne kein festes Gegenüber, sondern eine zeiträumliche Veränderung», sagt Haldemann. Mit der wandernden Sonne habe nämlich auch der Maler entlang des Seeufers mitwandern müssen, um sie über den langen Zeitraum eines halben Jahres im Bildausschnitt zu halten. Für dieses eigenwillige Anti-Panorama gebe es also weder den richtigen Ort noch den richtigen Zeitpunkt und auch keinen richtigen Stil. Haldemann: «Schnyders endlose Malerei über Malerei ist offen, faszinierend, humorvoll und ernst, ebenso einfach wie komplex.» Für den Betrachter der Serie geht in vielfacher Hinsicht die Sonne auf.

Der Zuger Künstler ist aber auch sonst ein regelrechter Tausendsassa der Kunstszene. Nicht nur, weil der gebürtige Basler schon zweimal an der Documenta teilgenommen hat. In früheren Werken hat der in einem Berner Waisenhaus Aufgewachsene etwa sonnendurchflutete, bukolische Impressionen gemalt – in denen wie dahingeschmolzen wirkende Autos sich im Stau durch schöne Landschaften quälen. Beissende Ironien auf den Zivilisationshorror. Sein mehrere Meter langer Leporello zur «Zuger- und Baarerstrasse» (2001) lässt einen fotografisch die architektonischen Brüche und Häuserfluchten an Zugs urbaner Magistrale eindrucksvoll nachspüren.

wolfgang holz

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach. Frühere Beiträge finden Sie unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

!

HINGESCHAUT

Kommentare

Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!

Meist gelesene Artikel

Via Steuern lässt sich nicht mehr Geld generieren; der Kanton ist auf andere Quellen und Möglichkeiten angewiesen.
LUZERN

Finanzdebakel: Gemeinden reichen dem Kanton die Hand

Ob beim Geschicklichkeitsfahren mit einem Lastwagen in Aplnach, beim Bewundern eines Oldtimer-Wohnmobils in Luzern oder beim Testen von Elektromobilen in Buochs: Wer sich für Autos begeistert, kommt dieses Wochenende voll auf seine Kosten.
REGION

Es dröhnt und brummt in der Zentralschweiz

KINDERSCHUTZ

Der Sturm über der Kesb verzieht sich

UNFALL

Motorradfahrer wurde bei Kollision mit einem Auto mittelschwer verletzt

Trotz hoher Temperaturen voller Einsatz für die Musik: Schüpfheim gestern am Luzerner Kantonal-Musiktag.
MUSIKTAG

Musikanten übernehmen Schüpfheim

ZUG

Brand in einer Wohnung

"Er wird Euch keine Fritten machen", heisst es in einem Werbespot von Burger King mit Blick auf den belgischen König. Das Königshaus reagierte verschnupft. (Archivbild)
BELGIEN

Belgisches Königshaus verschnupft

Die landwirtschaftliche Erschliessungsbahn mit Touristischer Nutzung: Die Spiess - Sinsgäu-Bahn in der Gemeinde Oberrickenbach.
NIDWALDEN

Die Kleinseilbahnen bekommen ihren Fanclub

Für einen Hitzetag braucht es mindestens 30 Grad. Am Samstagnachmittag wurde diese Marke auch im Norden der Schweiz geknackt. (Symbolbild)
WETTER

Norden der Schweiz erlebt ersten Hitzetag

Das Nadelöhr bei der Bahnhofzufahrt. Ein Tiefbahnhof soll Abhilfe schaffen.
VERKEHR

Tiefbahnhof Luzern: Bund erhöht Preis um 1 Milliarde Franken

Zur klassischen Ansicht wechseln