ZUG

Hier geht wirklich die Sonne auf

Im Kunsthaus ist derzeit in der Ausstellung «Charaktere» eine sehenswerte Bilderreihe zu bestaunen. Gemalt hat sie der Zuger Künstler Jean-Frédéric Schnyder – ein Magier der Farben und Formen.
20.01.2016 | 00:00

Wie eine vertikale Schweissnaht brennt sich die im Zugersee widerspiegelnde Sonne schon fast brutal ins Auge des Betrachters ein. Obwohl die Formate der 27 Bilder umfassenden Serie von Jean-Frédéric Schnyder klein sind, wirken die zwischen Juni und Dezember 1996 gemalten Sonnenaufgänge des 70-jährigen Künstlers, die derzeit im Zuger Kunsthaus ausgestellt sind, wie grosses Kino. Hollywood im Kleinen. Dabei ist keine seiner Impressionen kitschig – auch wenn Schnyder mit dieser Wahrnehmung spielt. Doch selbst die naturalistischen Spielarten seiner zarten Morgenröte atmen unterm Strich die Demut des staunenden Künstlers. Apropos. In den stets hälftig-horizontal komponierten Bildausschnitten – die den Charakter der Serie unterstreichen –, hat Schnyder diese Ehrfurcht vor der schönen Natur nicht in Gefühlsduselei umgemünzt, sondern in ein Panoptikum an Stilen verwandelt. Man könnte fast glauben, der Zuger Maler und Konzeptkünstler habe in seinen 27 Bildern einmal kurz die Kunstgeschichte Revue passieren lassen – so virtuos variiert er sein Sonnenaufgangssujet mit realistischen, impressionistischen, expressionistischen und abstrakten Pinselstrichen. Auf dem letzten, pastos gefurchten Bild meint man fast, Willem de Kooning habe die Sonne am Zugersee aufgehen sehen – als kosmisches Auge.

Doch Schnyder, dieser Magier der Farben und Formen und gleichzeitig sehr öffentlichkeitsscheue Autodidakt, lässt sich nicht festlegen. «Man kann diese Sonnenaufgänge weder stilistisch noch kunsthistorisch fest zuordnen», erklärt Matthias Haldemann, Direktor des Zuger Kunsthauses. «Man weiss nie genau, was man sieht, mal fesseln die subtilen Farbreize und wechselnden Lichtstimmungen, die mit lockerem Pinsel eingefangen sind, dann wirkt das Ganze wieder wie eine Parodie auf Turner, Monet, Hodler und die Sonntagsmaler.»

Wobei Haldemann noch auf andere interessante Facetten in Schnyders «Panorama»-Werkgruppe hinweist, die sich als Leihgabe des Kantons Zug in der Sammlung des Kunsthauses befindet. «Wir sehen im konstanten Blick auf die untergehende Sonne kein festes Gegenüber, sondern eine zeiträumliche Veränderung», sagt Haldemann. Mit der wandernden Sonne habe nämlich auch der Maler entlang des Seeufers mitwandern müssen, um sie über den langen Zeitraum eines halben Jahres im Bildausschnitt zu halten. Für dieses eigenwillige Anti-Panorama gebe es also weder den richtigen Ort noch den richtigen Zeitpunkt und auch keinen richtigen Stil. Haldemann: «Schnyders endlose Malerei über Malerei ist offen, faszinierend, humorvoll und ernst, ebenso einfach wie komplex.» Für den Betrachter der Serie geht in vielfacher Hinsicht die Sonne auf.

Der Zuger Künstler ist aber auch sonst ein regelrechter Tausendsassa der Kunstszene. Nicht nur, weil der gebürtige Basler schon zweimal an der Documenta teilgenommen hat. In früheren Werken hat der in einem Berner Waisenhaus Aufgewachsene etwa sonnendurchflutete, bukolische Impressionen gemalt – in denen wie dahingeschmolzen wirkende Autos sich im Stau durch schöne Landschaften quälen. Beissende Ironien auf den Zivilisationshorror. Sein mehrere Meter langer Leporello zur «Zuger- und Baarerstrasse» (2001) lässt einen fotografisch die architektonischen Brüche und Häuserfluchten an Zugs urbaner Magistrale eindrucksvoll nachspüren.

wolfgang holz

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