Home
17.06.2015 08:00

Hier wartet heute keiner mehr ...

  • Die ehemalige Haltestelle Bad Schönbrunn: ein Holzhäuschen im schmucken Heimatstil.
    Die ehemalige Haltestelle Bad Schönbrunn: ein Holzhäuschen im schmucken Heimatstil. | Bild Stefan Kaiser
EDLIBACH ⋅ ... zumindest nicht auf den nächsten Zug. In Bad Schönbrunn steht einer der letzten einsamen Zeugen der einstigen ESZ, welche die Berggemeinden erschloss.

Der 9. September 1913 war ein grosser Tag für die Mobilität im Chriesiland: Die Linien der Elektrischen Strassenbahnen im Kanton Zug (ESZ) nahmen ihren Betrieb auf und ersetzten den bisherigen Busverkehr in die Berggemeinden, der angesichts der oft steilen Strassenführung dauernd mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Auf Schienen gelangte man fortan von Zug nach Oberägeri sowie von Zug via Baar nach Menzingen. Zwischen Talacker und Nidfuren teilten sich die beiden Strecken das Trassee. Mit einer Gesamtlänge von 24,2 Kilometern und 40 Stationen/Haltestellen stellten die ESZ eine zuverlässige Erschliessung der Dörfer am Berg dar – auch wenn eine Fahrt von Baar nach Menzingen damals rund Dreiviertelstunden dauerte. Vom tiefst- zum höchstgelegenen Bahnhof überwand die Bahn einen Höhenunterschied von 384 Metern.

 

Nur 40 Jahre lang verkehrten die Züge der ESZ zwischen Tal und Berg. Im Mai 1953 wurden die Linien eingestellt, abgetragen und durch einen modernen Busverkehr ersetzt. Wenig erinnert mehr an die ESZ, doch vereinzelte Relikte haben sich erhalten. Eines davon befindet sich mehr oder weniger unscheinbar und wenig beachtet an der Zufahrt zum Lassalle-Haus Bad Schönbrunn unter einem voluminösen Baum. Seit der korrigierten Strassenführung zwischen Nidfuren und Edlibach steht das hölzerne Wartehäuschen gut 30 Meter weg von der Hauptstrasse. Es ­diente einst den wartenden Fahrgästen an der Haltestelle Bad Schönbrunn, ehemals «Wasserheil-Anstalt und physiologisch-diätetisches Kurhaus». Über dem Bogen prangt noch immer das Schild mitsamt Zuger Wappen. Es war eine Halt-auf-Verlangen-Station und diente an sich als einfacher Unterstand mit einer Sitzbank.

Das Wartehäuschen mit gemauertem Sockel und sogenanntem Krüppelwalmdach lehnt sich in seiner Gestaltung dem Heimatstil des einstigen Endbahnhofes in Menzingen an, der heute schön restauriert das Dorf­zentrum ziert. Der Bahnhof ist das Werk des Oerliker Architekten Eugen ­Scotoni-Gassmann (1873–1961). Ob er auch für das Stationshäuschen in Bad Schönbrunn die Pläne geliefert hat? Möglich wärs. Das Wartehäuschen weist vier sichtbare Pfetten (Balken, die das Dach tragen) mit Zierkonsolen auf, die an ihrem Ende rot angestrichen sind. So auch die Fensterrahmen und die Säulenecken. Mit wenig Farbe wurde hiermit ein gestalterischer Akzent gesetzt. Ebenso effektvoll: die beiden Blumentröge an der Front – wären sie denn bepflanzt. Die Dachoberfläche ist von Moos und Blättern überzogen, was je nach Sichtweise einen weiteren Reiz mit sich bringt und das heute weitgehend funktionslose Dasein des einstigen Wartehäuschens nostalgisch unterstreicht.

Das schmucke Haltestellengebäude gehört der Liegenschaft Bad Schönbrunn. Im Inneren verrät eine Holztafel seine frühere Funktion und eine ­zweite gegenüber, dass das Gebäude «Anno Domini millesimo nongentesimo octogesimo tertio» – im Jahre des Herrn 1983 – renoviert worden ist.

Andreas Faessler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach.

Kommentare

Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!

Meist gelesene Artikel

Via Steuern lässt sich nicht mehr Geld generieren; der Kanton ist auf andere Quellen und Möglichkeiten angewiesen.
LUZERN

Finanzdebakel: Gemeinden reichen dem Kanton die Hand

Ob beim Geschicklichkeitsfahren mit einem Lastwagen in Aplnach, beim Bewundern eines Oldtimer-Wohnmobils in Luzern oder beim Testen von Elektromobilen in Buochs: Wer sich für Autos begeistert, kommt dieses Wochenende voll auf seine Kosten.
REGION

Es dröhnt und brummt in der Zentralschweiz

KINDERSCHUTZ

Der Sturm über der Kesb verzieht sich

UNFALL

Motorradfahrer wurde bei Kollision mit einem Auto mittelschwer verletzt

Trotz hoher Temperaturen voller Einsatz für die Musik: Schüpfheim gestern am Luzerner Kantonal-Musiktag.
MUSIKTAG

Musikanten übernehmen Schüpfheim

ZUG

Brand in einer Wohnung

"Er wird Euch keine Fritten machen", heisst es in einem Werbespot von Burger King mit Blick auf den belgischen König. Das Königshaus reagierte verschnupft. (Archivbild)
BELGIEN

Belgisches Königshaus verschnupft

Die landwirtschaftliche Erschliessungsbahn mit Touristischer Nutzung: Die Spiess - Sinsgäu-Bahn in der Gemeinde Oberrickenbach.
NIDWALDEN

Die Kleinseilbahnen bekommen ihren Fanclub

Für einen Hitzetag braucht es mindestens 30 Grad. Am Samstagnachmittag wurde diese Marke auch im Norden der Schweiz geknackt. (Symbolbild)
WETTER

Norden der Schweiz erlebt ersten Hitzetag

Das Nadelöhr bei der Bahnhofzufahrt. Ein Tiefbahnhof soll Abhilfe schaffen.
VERKEHR

Tiefbahnhof Luzern: Bund erhöht Preis um 1 Milliarde Franken

Zur klassischen Ansicht wechseln