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11.03.2015 00:00

In Brasilien für Walchwil geplant

  • Kommt man von Arth her, präsentiert sich einem die von Hans-Peter Ammann entworfene Kirche besonders erhaben.
    Kommt man von Arth her, präsentiert sich einem die von Hans-Peter Ammann entworfene Kirche besonders erhaben. | Stefan Kaiser / Neue ZZ
ARCHITEKTUR ⋅ Die Entstehungsgeschichte der reformierten Kirche in Walchwil ist ungewöhnlich. Sie steht am Anfang einer Reihe bedeutender Bauwerke in der Zentralschweiz.

Walchwil, 1960. Ein reformiertes Kirchengebäude sollte her. Für den ausgeschriebenen Architekturwettbewerb waren elf Entwürfe eingereicht worden. Das Siegerprojekt war ausgerechnet ein Vorschlag aus dem fernen Brasilien. Wie denn das, wo schliesslich auch etablierte Zuger Architekten am Wettbewerb für die neue Walchwiler Kirche teilgenommen hatten? Offenbar war der in Sao Paulo entstandene Entwurf schlichtweg der überzeugendste: Er erfüllte die Anforderung, auf einem nur 670 Quadratmeter grossen Grundstück sowohl einen Kirchenraum mit bis zu 120 Sitzplätzen als auch ein Foyer und einen Tagungsraum sowie die übliche Infrastruktur zu realisieren. Der Vorschlag stammte vom damals erst 27-jährigen Architekten Hans-Peter Ammann aus Zürich, der 1960 nach einer Studienreise quer durch Europa kurzerhand die Schweiz verliess, um in Brasilien sein Arbeitsglück zu versuchen. Man kannte Ammann noch kaum, obschon er in Zug bereits eine Zeit lang als Entwurfsarchitekt gearbeitet und einige Preise gewonnen hatte.

Jetzt hatte Ammann also in Sao Paulo überraschend erfahren, dass er in Walchwil die reformierte Kirche bauen darf. An sich wollte der junge Architekt bloss für ein halbes Jahr zurück in die Schweiz kommen, sprich bis die Kirche fertig ist. Doch sollte es länger dauern, da sich die Planung länger dahinzog als erwartet. Und als leitender und ausführender Architekt musste er schliesslich vor Ort sein und bleiben. Im Frühling 1961 kam Ammann nach Zug und eröffnete hier kurzerhand sein eigenes Architekturbüro. Knapp eineinhalb Jahre dauerte der Bau der Kirche von September 1962 bis März 1964.

Betrachtet man das reformierte Kirchengebäude in Walchwil, so hat es vielen anderen Kirchenbauten, die in etwa in derselben Zeit entstanden sind, einiges voraus. Es ist selbst fürs heutige Architekturverständnis noch «kühn und eigenwillig» so nämlich wurde das neu eröffnete Gebäude bereits 1964 bezeichnet und gemäss Medienberichten von der Bevölkerung wohlwollend angenommen. Die futuristischen Formen und allgemein die geometrischen Verhältnisse und Fassadengestaltungen stellen viele andere nüchterne und arg geradlinige Kirchen der 60er-Jahre weit in den Schatten. Diejenige in Walchwil wirkt modern einst und auch jetzt. Dem auffallenden Erscheinungsbild zuträglich ist überdies auch die wohlgewählte, sehr exponierte Lage der Kirche am südlichen Dorfrand auf einer steil zum See hin abfallenden Krete. So setzt das Bauwerk dort einen Akzent, wo der historische Walchwiler Dorfkern – oder zumindest was heute noch davon übrig ist – optisch kaum tangiert wird.

Die Rückkehr Hans-Peter Ammanns aus Brasilien hat sich als Beginn eines fruchtbaren Wirkens in der Zentralschweiz über die folgenden Jahrzehnte erwiesen. Er blieb in der Schweiz. 1965 entstand in Zug eine Bürogemeinschaft mit dem Luzerner Architekten Peter Baumann (*1938). Auch in Luzern betrieben die beiden ein Büro. Zahlreiche Neubauprojekte realisierten die beiden gemeinsam, unter anderem das Behindertenheim Maihof in Zug, das Postbetriebsgebäude in Luzern, das SBG-Gebäude im Zuger Metalli, diverse Schul- und Wohnhäuser sowie ganze Wohnsiedlungen. Ein besonders prestigeträchtiger Auftrag waren die Konzeption und der Bau des neuen Luzerner Bahnhofs, der im Februar 1991 fertiggestellt wurde. Der Plan für die Bahnhofshalle stammt im Übrigen von keinem Geringeren als dem weltberühmten spanischen Architekten Santiago Calatrava, der im Rahmen dessen für das Büro Ammann und Baumann gearbeitet hat.

Andreas Fässler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach.

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