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01.07.2015 12:00

Katastrophenkunst am See

  • Tausende kleiner Schieferplättchen hat Carmen Perrin zu einem fein strukturierten Ganzen zusammengefügt.
    Tausende kleiner Schieferplättchen hat Carmen Perrin zu einem fein strukturierten Ganzen zusammengefügt. | Bild Stefan Kaiser
ZUG ⋅ Auf der kleinen Grünanlage Rigiplatz kaum sichtbar, scheinbar eingewachsen im Gras, liegt eine Schieferskulptur von schlichter Schönheit. Sie erinnert an Tod und Verwüstung.

Unauffällig, schlank und mit einem schimmernden Teint liegt sie im Gras auf dem Rigiplatz: Die Skulptur «Mémoire d’une strate 1887–1996» von Carmen Perrin. Sie erinnert, so der Name, an eine Gesteinsschicht. Was hat es damit auf sich? Um vom aufkommenden Tourismus profitieren zu können, begann die Stadt Zug ab 1873 mit dem Bau einer repräsentativen Seepromenade von der Vorstadt bis zum Landsgemeindeplatz. Die Bauarbeiten an der neuen Quaianlage waren bereits weit fortgeschritten, als im Frühjahr 1884 Risse in den Mauern und Terrain­senkungen festgestellt wurden. Spezialisten rieten dringend zur Aufschüttung eines Vordammes und warnten bei weiterer Belastung des Untergrundes vor Senkungen oder gar Abrutschen des Ufers. Auf den äusserst kritischen Bericht wurde nicht reagiert. Und so kam es zu einem verheerenden Unglück: Am 5. Juli 1887 brach das gesamte Ufer im Bereich der Vorstadt ein. Augenzeugen berichten, dass die Mauern wie bei einem Erdbeben wankten, den Menschen der Boden unter den Füssen wich und alles in wilder Panik flüchtete. Auf der Seeseite stürzte ein Haus nach dem anderen ein, versank im See oder wurde massiv beschädigt. 11 Menschen verloren ihr Leben und 326 Personen ihr Heim.

Ein indirekter Zeitzeuge ist der im Bereich der Abbruchzone liegende Rigi­platz. Denn zum eigentlichen Platz am See wurde er erst nach besagtem Unglück, bei dem die zum See hin stehenden Häuserzeilen ins Wasser abgerutscht oder abgetragen waren. Weil hier aus statischen Gründen keine Häuser mehr gebaut werden durften, liess die Stadt nach dem Seeufereinbruch einen kleinen Park errichten – die Rigianlage. Heute zeigt sich hier ein vielbelebter, zentral gelegener Platz mit Grünflächen, Sitzgelegenheiten, Spielgeräten und Kunstobjekten. Zu diesem schönen Ort wurde der Rigiplatz durch die Neugestaltung im Rahmen des Projekts Mitenand (1991–1995), das aus Anlass der CH91-Feierlichkeiten von der Stadt Zug initiiert wurde. Harald Klein, Stadtplaner von Zug und damaliger Projektleiter, erinnert sich: «Neben einem Landschaftsarchitekten wurden vier Kunstschaffende bei der Platzgestaltung mit einbezogen und damit beauftragt, Skulpturen für diesen Ort zu schaffen, die auf die bestehende Gestaltungsstruktur des Platzes reagieren. Es gelang, eine schlichte und Weite generierende Grünanlage zu erstellen, welche zusammen mit den Kunstwerken eine Einheit bildet. Am Planungsprozess konnte – erstmals für Zug – die Öffentlichkeit teilhaben und sich einbringen.» Die Sanierung und Neugestaltung des Platzes war im Frühling 1995 abgeschlossen.

Carmen Perrin ist– neben Anton Egloff, Andrea Wolfensberger und Flavio Paolucci – eine der Kunstschaffenden, die am Projekt beteiligt waren und sich mit der Vorstadtkatastrophe ausei­nandersetzten. Perrins grosse, quadratische, anthrazitfarbene Schieferplatte schmiegt sich flach in den Rasen. Sie besteht aus mehreren tausend Schieferplättchen, die eine fein strukturierte Oberfläche bilden. Für die Skulptur liess sich die Künstlerin von der bekannten Fotografie inspirieren, die unmittelbar nach der Vorstadtkatastrophe im Jahr 1887 aufgenommen wurde und die deren erschütterndes Ausmass zeigt. Dabei öffnet sich der Blick auf zerstörte Häuser, eine Anhäufung von Trümmerteilen im Wasser und das schräg abgesunkene Hotel Zürcherhof. Dessen weitgehend intakte Dachhaut mit den rhythmisch gegliederten Ziegelreihen regte die Künstlerin zur formalen Gestaltung ihres Werks an. In Anlehnung an die Naturkatastrophe symbolisiert die Skulptur die geologischen Voraussetzungen, die Naturgewalt und die Vergänglichkeit: Die vielen, gestaffelten Schieferplättchen stehen so für die Gesteinsschichten des instabilen Terrains. Die fein strukturierte, je nach Lichteinfall bewegt oder glatt erscheinende Oberfläche erinnert an die Oberfläche des Sees, der das Ufer verschlang. Und schliesslich wird das flach gestaltete Objekt von Gras überwachsen und so langsam von der Natur zurückerobert.

Die stille Arbeit von Carmen Perrin ist ein zeitgenössisches Denkmal. Es erinnert an die verheerende Naturkatastrophe im Jahr 1887 und mahnt an die Vergänglichkeit von allem Irdischen. Gedenke der Zeit. Denk-mal.

Brigitte Moser, Kunsthistorikerin

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach.

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