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01.02.2017 08:46

Kleiner Tempel für grossen Pionier

  • Ein kleines Monument im Stil der Neo-Renaissance: das Stadlin-Grab auf dem Friedhof St. Michael.
    Ein kleines Monument im Stil der Neo-Renaissance: das Stadlin-Grab auf dem Friedhof St. Michael.
ZUG ⋅ Ein besonderes Grabmal auf dem Friedhof St. Michael ist nicht nur aufgrund seiner künstlerischen Qualität erhaltenswert. Vielmehr ist es auch Gedenkstätte einer ausserordentlichen Zuger Persönlichkeit der einheimischen Industriegeschichte.

Brigitte Moser, Kunsthistorikerin

redaktion@zugerzeitung.ch

Auf dem Friedhof St. Michael, gleich hinter dem Beinhaus und unterhalb der Dagobert-Kapelle, findet sich ein bemerkenswertes Grabmal. Ein auf der Grünfläche davor platziertes Schildchen bezeichnet es als «erhaltenswert». Was hat es damit auf sich?

Das Grabmal ist zweifelsohne einfach hübsch anzusehen: klein, fein und formschön. Und die Untergrundplatte aus schwarzem Basalt sowie die Aufbauten in weissem und grauem Marmor sind sorgfältig ausgearbeitet. ­Formal erinnert es an ein antikes Tempelchen – eine Ädikula. Die Grabplatte steht auf einem Sockel und wird von zwei Säulen gefasst, die ein Gebälk und ein dreieckiges Giebelfeld tragen. 1909/10 im Stil der Neorenaissance errichtet, nimmt das Grabmal die Formensprache der griechischen Antike auf, die bereits in der Renaissance des 15./16. Jahrhunderts ein erstes Mal wieder aufblühte.

In Anlehnung an einen griechischen Tempel also verfügen die Säulen über einen gerillten Schaft und ein ionisches Kapitell, das sich durch die seitlich gerollten schneckenartigen Voluten über dem feinen Eierstab auszeichnet. Darauf liegt der dreifach gestufte Architrav, auf diesem der glatte Fries. Dieser schliesst oben durch den für die antike Formensprache typischen würfelartigen «Zahnschnitt» ab. Zwei geharnischte Wappen zieren den Fries: links jenes der Familie Stadlin (aufsteigendes Einhorn auf Dreiberg) und rechts jenes der Familie Fröhlich (zwei Rosen über dem schachbrettartigen Unterteil). Die beiden Namen finden sich sodann auf der zurückversetzten Steinplatte: zentral ­«Johann Michael Stadlin 1845–1909», nach dessen Tod am 14. August 1909 das Grabmal erbaut wurde. Name und Lebensdaten seiner aus München stammenden Frau – «Ottilie Stadlin-Fröhlich 1866–1941» – sowie die Gedenkschrift «Hier ruhen in Gott unsere lieben Eltern» wurde nach deren Tod angebracht. Das Ehepaar hatte sechs Kinder: Ottilia, Walter, Paul, Werner, Maria und Paula. Die Tochter «Maria Stadlin 1897–1973» – wie im Sockel eingraviert – ruht ebenfalls hier.

Das tempelähnliche kleine Grabmal, das zu Ehren Johann Michael Stadlins erbaut wurde, trägt seine Geschichte und diejenige seiner Familie in die Gegenwart: Johann Michaels Vater Franz Michael war Müller. Er betrieb – wie schon seine Vorfahren – die seit 1618 belegte Mühle in Zug, die sich im heutigen Haus Bohlstrasse 7, gleich ausserhalb des Ägeritors, befand. Zudem liess er eine neue Mühle bauen, die später in den Besitz von Joseph Christian Fridlin überging, der darin die bekannte Gewürzmühle einrichtete. Diese war noch bis 1997 in Betrieb. Der erst 18-jährige Johann Michael Stadlin übernahm nach dem Tod seines Vaters 1864 die Mühle in Zug. Er sollte sie 17 Jahre lang betreiben und dann verkaufen. Der inzwischen als «Verwalter Stadlin» bekannte Müllermeister war geschäftstüchtig und vielseitig. So initiierte er die Errichtung der Wasserversorgung in Zug, die er von 1875 bis 1878 auch technisch ausführte. In der Folge verwaltete er die Wasserwerke Zug geschickt und weitsichtig während mehr als zehn Jahren. Johann Michael Stadlin befasste sich aber auch weiterhin mit Mühlen: 1887 übernahm er zusammen mit Fritz Wyss mietweise die Untermühle in Cham, die Carl Vogt-von Meiss, dem Besitzer der Papierfabrik Cham, gehörte. Die Firma mit dem Namen Wyss & Stadlin blühte rasch auf.

Als die Eisenbahnlinie Zürich–Thalwil–Zug–Arth-Goldau im Jahr 1897 eröffnet wurde, sah Stadlin es als Chance, den Mühlenbetrieb an die Bahn zu verlegen: Es war die Geburtsstunde der grossen Untermühle in Zug. Als Mitbegründer und Planer realisierte Stadlin eine vollautomatische Grossmühle mit Gleis­anschluss. Nach nur einem Jahr Bauzeit konnte die grosse und funktionale Anlage – es war damals die zweite vollautomatische Mühle in der Schweiz – 1898 in Betrieb genommen werden. Der Strom dafür wurde vom Kraftwerk an der Lorze bezogen, das die Wasserwerke Zug ebenfalls in dieser Zeit realisierten. Das Unternehmen in der Untermühle war von Beginn weg sehr erfolgreich. Gegen Ende des Jahres 1929 übernahm der Zentralschweizer Müllerverband die Mahlquote der Untermühle und stellte deren Betrieb in der Folge ein. Bald schon sollte die Firma Orris Fettwerk AG hier Margarine produzieren. Daniel Stadlin, bekannter Zuger Politiker, ist ­voller Bewunderung für seinen Urgrossvater Johann Michael: «Er war eine ausserordentliche Persönlichkeit. Ein Pioniergeist voller Ideen, die er dann auch umsetzte. Nicht zu vergessen sind auch seine Engagements im Süden: 1888/1904 erwarb Johann Michael Stadlin zwei Mühlen in Maroggia im Tessin. Zudem ­baute er 1903–1904 eine grosse Mühle in Rom, die er bald mit Gewinn verkaufte.» Und ganz nebenbei wirkte Stadlin 1886–1894 als Liberaler Zuger Kantonsrat und 1899–1909 als Bankrat der Zuger Kantonalbank.

Johann Michael Stadlin hat die frühe Zuger Industrie mit seinem Pioniergeist und seiner Innovationskraft nachhaltig geprägt. Heute noch erinnert das form­vollendete und zeittypische Grabmal im Friedhof St. Michael an den grossen Mann von damals. Darum ist es erhaltenswert.

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