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24.02.2016 00:00

Kunstschaffen als Therapie

  • Die fünf «Göggel» stehen für Befindlichkeiten wie Angst, Minderwertigkeitsgefühl, Freude, Grösse und Stolz.
    Die fünf «Göggel» stehen für Befindlichkeiten wie Angst, Minderwertigkeitsgefühl, Freude, Grösse und Stolz. | Christian H. Hildebrand / Neue ZZ
ZUG ⋅ Die fünf von der Witterung gezeichneten Holzskulpturen am Siehbach symbolisieren Gefühlsregungen. Sie waren das Gemeinschaftswerk von Menschen, die mit ihrem Leben haderten.

Zumindest die Seepromenierer kennen die «Göggel» am Steg beim Siehbach im Europakreisel. Fünf hohe, schlanke Holzskulpturen sind es, fixiert auf jeweils vier im Boden verankerten Metallbolzen. Dieses mehrteilige Kunstobjekt im öffentlichen Raum wurde hier im August 2000 aufgestellt. Hinter der Skulpturengruppe steht ein soziales Projekt der «Sennhütte», Fachinstitution für Suchttherapie Zug. Der damals hier als Arbeitstherapeut tätige Aargauer Künstler Severin Märki hatte bei sich seit gut zwei Jahren fünf Kubikmeter Holz einer alten Sommerlinde an Lager. Da er – wie er seinerzeit sagte – als einzelner keine Verwendung für eine derart grosse Menge Holz auf einmal hatte, plante Märki, mit den 14 Bewohnerinnen und Bewohnern der therapeutischen Wohngemeinschaft in der «Sennhütte» daraus ein Gemeinschaftswerk zu schaffen.

Jede der fünf durchbrochenen Skulpturen sollte eine Befindlichkeit symbolisieren. Es sind Befindlichkeiten, welche auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Therapieprogrammes kennen: Angst, das Gefühl der Minderwertigkeit, aber auch Freude, Grösse und Stolz. Während eines Zeitraums von über einem Jahr arbeiteten die Bewohner gemeinsam mit Severin Märki intensiv an den «Göggeln». Die Medi Bank kaufte die Figuren an und stiftete sie der Stadt Zug, welche bei der Enthüllung durch den damaligen Stadtpräsidenten Christoph Luchsinger vertreten wurde. Durch den Kauferlös wurde die «Sennhütte» aktiv unterstützt. Am 21. August 2000 wurde die Skulpturengruppe am Siehbach der Öffentlichkeit übergeben.

Sowohl Erscheinungsbild als auch Machart der «Göggel» am Siehbach sind das Markenzeichen des im aargauischen Suhr lebenden und arbeitenden Künstlers. Im Arbeitsprozess orientiert sich Märki stets am naturgegebenen Wuchs des Baumstammes in starker Anlehnung an dessen Form. Auch Maserung, Jahrringe und Astlöcher bezieht er jeweils mit ein, was die Proportionen der entstehenden, meist leicht und beschwingt wirkenden Figuren mit beeinflusst. Dass sie alle die menschliche Physis zitieren, ist unschwer erkennbar. So sind denn auch die Zuger «Göggel» abstrahierte Menschengestalten mit unterschiedlicher Körperhaltung – der jeweiligen Befindlichkeit entsprechend. Es wirkt die Figurengruppe in sich lebendig und beweglich – und grazil, denn die Rundungen scheinen durch die fein geschliffene Oberfläche besonders elegant und auch einer gewissen Anmut nicht entbehrend, selbst wenn sie Angst oder Minderwertigkeitsgefühle symbolisieren.

Da totes Holz früher oder später naturgemäss dem Zerfall anheimfällt, wenn es schutzlos Wind und Wetter ausgesetzt ist, macht Severin Märkis «Göggel»-Familie nach fast 15 Jahren unter freiem Himmel stehend einen reichlich mitgenommenen Eindruck. Moos und Flechten haben sich angesetzt, und Fäulnis hat die «Köpfe» teils weitgehend zerstört. Dennoch: Solange die «Göggel» hier noch stehen, erinnern sie an eine soziale Geste und den harten Kampf von Menschen, die ihr aus den Fugen geratenes Leben mit viel Geduld und Kraftaufwand wieder in den Griff bekommen möchten.

Andreas Faessler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach. Frühere Beiträge finden Sie unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

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