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02.03.2016 10:00

Lebensabend in der Heimat

  • Fast sieben Meter lang ist der alte Einbaum vom Ägerisee, der nun als Blumentrog am Port in Mittenägeri steht.
    Fast sieben Meter lang ist der alte Einbaum vom Ägerisee, der nun als Blumentrog am Port in Mittenägeri steht. | Bild Andreas Faessler
ÄGERISEE ⋅ Einst war er Exponat im Historischen Museum Bern. Jetzt dient er an seinem Ursprungsort als Ziertrog. Der stattliche Einbaum am Seeufer ist historischer Zeuge einer alten Bootstradition.

Ein sogenannter Einbaum – gelegentlich auch als Gransen bezeichnet – ist eine der Urformen des Bootes. Aus einem einzigen Baumstamm gefertigt, war der Einbaum über Jahrhunderte der vorherrschende Bootstyp rund um den Globus. In unseren Breitengraden war er auch auf zahlreichen Seen des nördlichen Alpenkamms noch bis ins späte 19. Jahrhundert in Gebrauch. Eines dieser Gewässer ist der Ägerisee, wo diese Bootsart sogar bis in die 1960er-Jahre vor allem bei Fischern noch im Einsatz blieb und somit eine besonders lange Tradition hatte. Im September 2013 wurde ein im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Freilichtmuseen quer durchs Ägerital» neu angefertigter Einbaum zu Wasser gelassen (wir berichteten). Nach über vier Jahrzehnten schipperte also erstmals wieder ein neues altes Boot dieser Machart über den Ägerisee.

 

Einen originalen historischen Ägerisee-Einbaum kann man derzeit am Seeufer auf Höhe der reformierten Kirche in Mittenägeri betrachten. Seine Geschichte ist insofern ungewöhnlich, als er einst die Heimat als Einbaum verlassen hat und nach Jahrzehnten als Blumenkübel wieder zurückgekommen ist. Als ein solcher nämlich ziert er hier nun das Port. Die Entstehung dieses Einbaumes – so verrät es auch ein Täfelchen vor Ort – datiert im Jahre 1906, hergestellt von einem gewissen Christian Merz auf dem Hof Althaus in Morgarten. Es handelt sich um eine zum Entstehungszeitpunkt rund 120 Jahre alte Weisstanne, die gängigste dafür verwendete Holzart in der Region Ägeri. Ende 1904 gefällt, wurde der Baum bis zu seiner Verarbeitung eingelagert.

Der 6,8 Meter lange Einbaum diente nach seiner Fertigstellung laut den weiteren Angaben bis 1920 als Fischerboot und kam zwei Jahre später in die ethnografische Sammlung des Historischen Museums Bern. Doch fügte ein Holzpilzbefall dem Exponat über all die Jahre hinweg erheblichen Schaden zu. 2014 entschied die Museumsleitung, den Ägerer Einbaum aus dem Inventar zu entlassen, weil es in der Schweiz noch weitere Exemplare dieser Art gibt, welche in einem intakten Zustand sind. Die Museumsleitung kontaktierte Alois Henggeler und Hans Zehnder von der Bürgergemeinde Unterägeri, die den Einbaum aus der Hauptstadt zurück ins Ägerital holten.

Hier verbringt das stattliche historische, aber leider desolate Holzboot nun seinen Lebensabend als Zierobjekt zwischen Hauptstrasse und seinem einstigen Einsatzgebiet, dem See. Ein Blumentrog auf Zeit, der auf sein absehbares, endgültiges Ende harrt.

Andreas Faessler

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