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09.03.2016 00:00

Madonna und das «Kuriosum»

  • Eher diskret ins Gitter eingelassen ist das runde Relikt der Schlacht am Gubel.
    Eher diskret ins Gitter eingelassen ist das runde Relikt der Schlacht am Gubel. | Stefan Kaiser/ Neue ZZ
MENZINGEN ⋅ Wer das zierliche Chorgitter in der Klosterkirche Gubel betrachtet, übersieht vielleicht eines der interessantesten Details im Inneren des Gotteshauses.

Die legendäre Schlacht am Gubel im Oktober 1531 ist als letztes dokumentiertes und entscheidendes Gefecht des Zweiten Kappelerkrieges in die Geschichte eingegangen. Auf dem Hügel ob Menzingen gerieten sich die Reformierten und die Katholiken in die Haare. Letztere obsiegten dank des Überraschungseffektes ihres Angriffs. Um 1559 errichtete man auf dem einstigen Schlachtgelände eine Kapelle für die Pilger aus den fünf katholischen Landen. Nachdem 1780 ein Feuer die Wallfahrtskapelle zerstört hatte, wurde die heutige Schlachtkapelle erbaut und im Zuge dessen gleich eine Gaststätte und eine Kaplanei. Seit im Jahre 1831 Nonnen die Gebäude bezogen, ist die spätbarocke Schlachtkapelle gleichsam Klosterkirche. Ihren Status als Mahnmal an das für die Katholiken entscheidende Gefecht von einst erkennt der Besucher unschwer am monumentalen Schlachtgemälde an der Decke im Inneren der Kirche.

Wesentlich kleiner, unauffälliger, aber darum umso bemerkenswerter, ja delikater aber ist ein anderes Detail im Kirchenraum, das an die Schlacht erinnert – zumindest der Überlieferung zufolge. Wer die faszinierende Architektur mit den filigranen Rocaillen und die harmonische Ausstattung der Kirche bewundert, dem entgeht womöglich unbewusst das verhältnismässig schlichte, perspektivische Chorgitter aus Schmiedeeisen, dessen Inschrift Concremato auxiliatrix denuo darauf hinweist, dass das Gitter nach dem Brand neu angefertigt worden ist. Mittig wird das Gitter von einer Madonna mit Kind im Strahlenkranz bekrönt.

Jetzt gilt es, etwas näher ans Gitter zu treten und genauer hinzusehen: Dann nämlich erkennt man, dass die Gottesmutter auf einer schwarzen Kugel fixiert ist. Dabei handelt es sich mit höchster Wahrscheinlichkeit um ein konkretes Relikt aus der Schlacht am Gubel: Es ist eine rund 3 Kilo schwere Kanonenkugel aus Eisen. Sie schlug – so ist es überliefert – während der heftigen Gefechte in einem nahe gelegenen Wohnhaus ein und wurde beim Neubau der Kirche ins Chorgitter eingelassen. Somit ist die Madonna auf der Kanonenkugel in der Klosterkirche Gubel eine regionale Besonderheit.

Dass aber Geschosse wie Kanonenkugeln als erhaltene Zeugen historischer Schlachten, Gefechte und Scharmützel der Nachwelt als Mahnmal präsentiert werden, wird verbreitet gepflegt. So finden sich beispielsweise in Wien an mehreren Gebäuden sogenannte Türkenkugeln befestigt – eini­ge von ihnen heute gar vergoldet. Sie erinnern an die zweite, erfolglose Belagerung der stolzen Kaiserstadt durch das osmanische Heer anno 1683. Oder auch an die Schlacht von Dürnstein in der Wachau im Jahre 1805 erinnern noch heute mehrere solcher Geschosse, die in Hausmauern eingelassen sind. Ähnliches kennt man auch aus Steyr, München oder mehreren deutschen Städten, in denen der Dreissigjährige Krieg seine Spuren hinterlassen hat.

Die Symbolik der Madonna auf der Kanonenkugel in der Klosterkirche Gubel liegt auf der Hand: Mit dem Beistand der heiligen Maria Muttergottes haben die «Gläubigen» über die «Ketzer» gesiegt.

Andreas Faessler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach. Frühere Beiträge finden Sie unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

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