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18.02.2015 00:00

Man sieht ihr die Mühsal an

  • Rolf Brems Figur der Greth Schell wurde 1977 von der Zunft der Schreiner, Drechsler und Küfer gestiftet.
    Rolf Brems Figur der Greth Schell wurde 1977 von der Zunft der Schreiner, Drechsler und Küfer gestiftet. | Dominik Hodel / Neue ZZ
BRAUCHTUM ⋅ Wieder haben zahlreiche Kinder der Greth Schell zugeschrien. Die Brunnenstatue dieser alten Fasnachtsfigur stammt von einem bedeutenden Luzerner Bildhauer.

Am Montag schallte es einmal mehr laut «Greth Schälle Bei!» durch die Zuger Altstadt. Der Greth-Schell-Brauch unter dem Patronat der Zuger Schreiner-Drechsler-Küfer-Zunft bereitet jedes Jahr vor allem den Kindern grosse Freude. Hinter der Fasnachtsfigur Greth steckt die Zuger Lehrerin Margaretha Schell, die von 1672 bis 1740 gelebt hat. Diese war allerdings unverheiratet, wodurch die traditionelle Figur der Greth Schell sich auch auf eine andere, historisch nicht mehr belegbare Person beziehen könnte. Im Jahre 1977 regte der Baarer Maler und Grafiker Eugen Hotz (19172000) die Zünfter dazu an, der Greth Schell ein Monument zu setzen, um die tiefe lokale Verankerung des alten Zuger Brauches hervorzuheben.

Der bekannte und sehr kreative Luzerner Bildhauer und Plas­tiker Rolf Brem (19262014) erhielt den Auftrag, eine Bronzefigur zu schaffen, die Greth Schell zeigt, wie sie ihren beschwipsten Mann in der Chrätze auf dem Rücken nach Hause trägt. Bei Brems Arbeit steht primär der Mensch im Vordergrund. Seine Skulpturen sind von einer ungemeinen Ausdrucksstärke und Dynamik. Und genau das war für den Künstler jeweils die grösste Herausforderung, wie er einst in einem Radiointerview verriet. Der Figur genau den Charakterzug zu verleihen, den sie haben sollte, sei jeweils eine Sache des Ausprobierens, sagte er. Selbst eine kleine Runzel, eine einzige Falte könne massgebend sein. «Irgendwann komme ich aber immer zum Punkt, wo ich sage: Das ist es!» Meist zeigen Brems Figuren eine Person oder mehrere bei einer Tätigkeit. Genauso ausdrucksvoll wie andere seiner Skulpturen, beispiels­weise der Hirte mit den Schafen vor dem Luzerner Theater, ist seine Figur der Greth Schell. Sie strahlt die Mühsal, die auf ihr lastet, durch ihre gebückte Haltung förmlich aus, während ihr weinseliger Mann auf ihrem Rücken fröhlich weiter den «Löli» macht.

Rolf Brems Greth-Schell-Figur fand 1977 einen würdigen Platz auf dem Brunnen mit quadratischem Bassin gegenüber der Liebfrauenkirche in der Unter Altstadt. Die Brunnenanlage selbst stammt aus dem Jahr 1900 und wird von drei schlichten Wasserspeiern an der Säule gespeist.

Die Stadt Wien kennt übrigens eine genau dokumentierte – Geschichte, die Parallelen zu Greth Schell in Zug aufweist. Dort hat eine Frau, die «Greisslerin» Theresia Kandl, im klirrend kalten Winter des Jahres 1808/09 ebenfalls ihren Mann auf dem Rücken nächtens durch die Stadt getragen – in einer Holzbutte. Er wog über 100 Kilo. Ähnlich gebückt wie unsere Greth dürfte sich die Wienerin so durch die Gassen geschleppt haben. Der Hintergrund im Falle der Theresia Kandl ist jedoch im Gegensatz zur Zuger Vorlage von grausamer Natur: In einem erbitterten Streit hatte sie ihren tyrannischen Gatten mit einer Hacke erschlagen. Sie stopfte die Leiche in die Butte und trug sie auf dem Rücken in einen anderen Stadtteil, um die Tat zu vertuschen. Das Verbrechen kam aber schnell ans Licht. Theresia Kandl wurde im Jahre 1810 an den Pranger gestellt und anschliessend wegen Meuchelmordes am Galgen hingerichtet. Während der Greth Schell in Zug ein Altstadtbrunnen gewidmet ist, wurde in Wien-Atzgersdorf zum Gedenken an den tragischen Fall der Theresia Kandl eine Wegkapelle errichtet, die Kandlkapelle.

Andreas Fässler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach.

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