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25.05.2016 05:00

Modernes «Rokoko» auf Beton

  • Das flächendeckende Wabenmuster auf der Wand neben der Jugendherberge fristet an seinem schattigen Ort heute eher ein Schattendasein. Zeit, wieder einmal bewusst hinzuschauen.
    Das flächendeckende Wabenmuster auf der Wand neben der Jugendherberge fristet an seinem schattigen Ort heute eher ein Schattendasein. Zeit, wieder einmal bewusst hinzuschauen. | Bild Maria Schmid
ZUG ⋅ Patrick Germaniers Kunstwerk ist mit 47 Metern Länge eines der grössten weit und breit. Dabei befindet es sich an einem der unscheinbarsten Orte der Stadt und wird so zur Trouvaille.

Die Jugendherberge Zug selbst liegt schon ziemlich abseits vom Geschehen. Zumindest insofern, als hier auf der Parzelle zwischen Allmendstrasse und dem ZVB-Areal eher wenig Fussgängerverkehr herrscht. Und noch versteckter als die Jugi liegt eines der aussergewöhnlichsten und aufwendigsten Zuger Kunstwerke im öffentlichen Raum. Wers nicht kennt, nimmt es womöglich selbst vor Ort gar nicht erst wahr. Sollte man aber. Man findet es nämlich auf der Rückwand des eingeschossigen, lang gezogenen Gebäudes, das genau zwischen der Jugi und der Carrosserie Brandenberg – parallel zur Allmendstrasse – liegt.

«Rocailles» heisst das grossflächige Werk des gebürtigen Luzerner Künstlers Patrick Germanier. 1992 hatte das ­Forum Junge Kunst einen Wettbewerb ausgeschrieben für die Gestaltung dieser nüchternen Rückwand zur Jugi hin. Die Privatbesitzer hatten sie für die künstlerische Gestaltung zur Verfügung gestellt. Aus insgesamt 89 Vorschlägen wurde Germaniers Projekt «Rocailles» ausgewählt. Über eineinhalb Monate arbeitete der Künstler teils unter wetterbedingt harten Umständen an seinem Werk, das schliesslich bis heute die gesamte 47 Meter lange und 3 Meter hohe Betonwand füllt.

Es ist ein geschlossenes Wabenmuster, das sich meist feinmaschig, stellenweise jedoch lockerer und grobschlächtiger, über die graue Fläche hinwegzieht und je nach Sonnenstand den Eindruck einer glatten, silbern schimmernden Schlangenhaut erweckt. Mit Presslufthammer und Meissel hat Germanier die oberste Betonschicht bearbeitet, so dass die körnige Schicht darunter zum Vorschein kam. Die Wand verlockt förmlich zum Berühren, um die veränderte Struktur von glatt zu rau haptisch zu erfassen.

Die Rocaille ist ein Begriff aus der Kunstgeschichte und ein Grundelement der wortverwandten Stilrichtung des Rokoko. Ursprünglich als Bezeichnung für eine «unregelmässige Perle» verwendet, stand der Begriff bald für die geschwungenen, muschel- und rankenförmigen Ornamente, welche die überbordende Pracht des Rokoko ausmachen. Daran anlehnend, kennt man Rocailles heute auch als bunte Glasperlen, die man zu Schmuck- und Ziergegenständen verarbeitet. Aneinandergereiht ergeben sie ein Bild, das optisch mit dem Kunstwerk von Patrick Germanier deutliche Gemeinsamkeiten hat. Seine Rocailles aber sind luftig und farblos. Und genau das war ein wichtiger Punkt, warum sich die Jury seinerzeit für Germaniers Vorschlag entschieden hat. Er beabsichtigte nicht, der grauen Monotonie der kahlen Betonwand ihr natürliches «Wesen» zu nehmen, sondern er wertet den wenig repräsentativen Raum durch eine relativ simple, aber sehr wirkungsvolle Veränderung der Oberfläche auf. Patrick Germaniers aufwendiges Riesenwerk verdient angesichts der alles andere als exponierten Lage durchaus neue Aufmerksamkeit.

Andreas Faessler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach. Frühere Beiträge finden Sie unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

 

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