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24.08.2016 05:00

Rückkehr eines Wahrzeichens

  • Seit 2009 können sich die Chamer wieder am rund 80 Jahre alten Tierli-Brunnen erfreuen. Er steht auf dem Spielplatz westlich des Schulhauses Kirchbühl. Die historische Aufnahme zeigt ihn an seinem früheren Platz beim Gasthaus Neudorf.
    Seit 2009 können sich die Chamer wieder am rund 80 Jahre alten Tierli-Brunnen erfreuen. Er steht auf dem Spielplatz westlich des Schulhauses Kirchbühl. Die historische Aufnahme zeigt ihn an seinem früheren Platz beim Gasthaus Neudorf. | Bilder Andreas Faessler/Archiv Hermann Steiner
CHAM ⋅ Seit 2009 ist der Tierli-Brunnen Teil des Freizeitgeländes beim Schulhaus Kirchbühl. Dass er an seinem alten Ort abgebaut worden und für lange Zeit aus dem Dorfbild verschwunden war, bedauerten viele Chamer.

Für viele Chamer, die heute mindestens in ihren 40ern sind und in der Ennetseer Gemeinde ihre Kindheit verbracht haben, dürfte er ein einprägsamer Begriff gewesen sein: der Tierli-Brunnen, welcher über vier Jahrzehnte hinweg auf dem Platz vor dem alten Gasthaus Neudorf in Cham gestanden hat. Die einzigartige Brunnenanlage greift das Thema des Tieres nicht nur um des Schmuckes willen auf, sondern der Urheber des Brunnens, der gebürtige Zuger Bildhauer Wilhelm Schwerzmann, setzte damit ein dankbares Zeichen für die Haus- und Nutztiere, welche das Leben der Menschen insbesondere auf dem Land erleichterten. So lautet die Inschrift am Kapitell der Brunnensäule Unseren lieben Haustieren für ihre Mitarbeit. So war der Tierli-Brunnen bei Jung und Alt beliebt und zu einem Chamer Wahrzeichen geworden.

 

Um 1935 von Schwerzmann angefertigt und 1937 von diesem der Gemeinde Cham geschenkt, stand der Tierli-Brunnen an seinem genannten Ort vor dem 1872 erbauten Gasthaus Neudorf respektive bei der Metzgerei von Albert Hörler. An der Stelle des 1978 abgebrannten Gasthauses entstand von 1981 bis 1983 das heutige Neudorf-Center. Der Brunnen wurde demontiert und beim Chamer Bildhauer Böbbi Schiess auf unbestimmte Zeit eingelagert. Mehrere Anläufe in den kommenden Jahren, einen neuen Platz für den Natursteinbrunnen zu finden, waren erfolglos. Das Kunstwerk blieb in seiner Versenkung und existierte nur noch in den Köpfen der Chamer, von denen nicht wenige das Schmuckstück vermissten.

2008 schliesslich sollte das Jahr der sich abzeichnenden «Wiederauferstehung» des Tierli-Brunnens werden. An der Gemeindeversammlung vom 15. Dezember genannten Jahres wurde darüber befunden, dass westlich der Schulanlage Kirchbühl ein neuer Spielplatz sowie eine Erholungsfläche entstehen sollen. Im Rahmen dessen sollte der Tierli-Brunnen in diese neu gestaltete Umgebung integriert werden. Die Vorlage wurde angenommen und im Folgejahr umgesetzt. Im September 2009 konnte die neue Freizeitfläche mitsamt Tierli-Brunnen der Öffentlichkeit übergeben werden. Bildhauer Böbbi Schiess hatte im Auftrag der Gemeinde zuvor Risse und Beschädigungen, welche im Laufe der Zeit am Brunnen aufgetaucht waren, beseitigt sowie die Leitungen und Abflüsse erneuert. So erfreut die schmucke Brunnenanlage an ihrem neuen Standort seit nunmehr sieben Jahren wieder die Ur-Chamer gleichermassen wie die nachfolgenden Generationen.

Wilhelm Schwerzmann verlieh seinem Chamer Brunnen einen besonderen Reiz, indem er die figürliche Gestaltung mindestens zur Hälfte auf das Jungtier münzte. So sind am Brunnenbecken in semiplastischer Ausführung neben einem Hausschwein und einer Geiss ein Kälbchen und ein Fohlen zu sehen. Als dominierende Brunnenfigur fungiert ein Mutterschaf, das sein Junges säugt. Der Brunnen ist aus rotem Sandstein gefertigt und weist zwei Wasserspeier auf. An einer Ecke fügt sich ein kleiner Überlauf, eine «Hundetränke», an.

Der 1877 in Zug geborene Wilhelm Schwerzmann absolvierte vorerst eine Lehre als Skulpteur und besuchte anschliessend die Kunstgewerbeschule Luzern. Er schuf einen grossen Teil seines Lebenswerkes nicht in seiner Heimat, sondern in der Landschaft Davos, wo er seinerzeit zahlreiche Auf­träge entgegennahm. Auch in Zürich, St. Gallen und im Tessin hinterliess Schwerzmann einige bedeutende Werke. Er galt zu Lebzeiten als einer der bedeutendsten Schweizer Brunnenplastiker. Dabei bediente er sich mit Vorliebe des Heimatstils des frühen 20. Jahrhunderts. Wilhelm Schwerzmann lebte ab 1915 bis zu seinem Lebensende 1966 bei Locarno.

Andreas Faessler

 

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach. Frühere Beiträge finden Sie unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

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