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Sie haben sich Zeichen gesetzt

An vielen mittelalterlichen Bauten stellt man seltsame Zeichen fest. Sie dienten einem simplen Zweck, basieren jedoch auf einer strengen Geometrie.
25.03.2015 | 00:00

Sie sehen aus wie mystische Symbole, kryptische Embleme, als würden sie eine geheime Botschaft bergen. Wir finden sie im Kanton Zug an zahlreichen Stellen. Allein an den beiden Torbögen des Menzinger Beinhauses prangen deren drei. An mehreren Zuger Altstadthäusern sind sie zu finden in Fensterrahmen und Portal­einfassungen. Die mächtigen Tragpfeiler der St.-Oswald-Kirche sind ­geradezu übersät mit diesen seltsamen Gravuren. Der Hintergrund dieser Zeichen aber ist so simpel wie plausibel, was ihrer Gestaltung jedoch zu Grunde liegt, ist etwas komplizierter.

Es handelt sich um sogenannte Steinmetzzeichen, die hauptsächlich bei mittelalterlichen Kirchen- und auch Profanbauten besonders häufig Anwendung fanden. Mit diesen Gravuren versah der Steinmetz das von ihm bearbeitete Element, um es als sein Werk zu kennzeichnen. Das war unter anderem der Buchhaltung dienlich für die Entlöhnung des Herstellers. So ein Zeichen konnte dem Steinmetz persönlich zugeschrieben werden oder aber auch einer ganzen Handwerkerfamilie respektive einer bestimmten Dombauhütte oder Werkstatt. Gelegentlich sind Bauelemente, insbesondere Quadersteine für tragende Gebäudeteile, zusätzlich mit sogenannten Versatz­zeichen versehen. Diese sehen den Steinmetzzeichen ähnlich, haben aber den Zweck, die Ausrichtung des jeweiligen Steins zu kennzeichnen, damit er bei seiner Verwendung korrekt platziert werden kann. Versatzzeichen sind oft kaum mehr von personifizierten Steinmetzzeichen zu unterscheiden. Dennoch geben Letztere der Nachwelt wichtigen Aufschluss über die Entstehungsgeschichte eines Bauwerks.

Die Zeichen sind oft sehr einfach konzipiert, bestehen aus wenigen bis mehreren einzelnen oder gekreuzten Linien und gelegentlich auch bogenförmig verlaufenden Teilen. Alle Zeichen jedoch, seien sie auf den ersten Blick noch so simpel, basieren auf einer für einen Laien kompliziert anmutenden geometrischen Grundstruktur, einem mathematisch genau definierten Geflecht aus Kreisen und Geraden es erinnert entfernt an ein Mandala.

Besonders bedeutende Baumeister gaben sich mit einem einfachen Steinmetzzeichen nicht zufrieden, sondern verewigten sich in ihrem Werk noch anderweitig, gelegentlich gar in einem vollplastischen Bildnis. Eines der berühmtesten Beispiele hierfür ist der «Fenstergucker» im Wiener Stephansdom. Der Baumeister wohl Anton Pilgram (1460–1515) – hat sich hier als eine aus einem Fensterrahmen hervorschauende Figur ein (Steinmetz-)Zeichen gesetzt.

Andreas Fässler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach.

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