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16.09.2015 09:00

Stille Mahnung

  • Das schlichte Holzkreuz unterhalb der neuen Lorzentobelbrücke ersetzt ein älteres Kruzifix, das in den 1980er-Jahren beschädigt worden ist.
    Das schlichte Holzkreuz unterhalb der neuen Lorzentobelbrücke ersetzt ein älteres Kruzifix, das in den 1980er-Jahren beschädigt worden ist. | Bild Maria Schmid
BAAR ⋅ Die Lorzentobelbrücken sind immer wieder letzte Station für verzweifelte Menschen, die den Freitod wählen. Zwei Wegkreuze halten das Gedenken aufrecht – und sind Mahnmale zugleich.

Was im Kopf eines Menschen vorgeht, der sich entschieden hat, freiwillig aus dem Leben zu treten, welche Ausmasse seine Verzweiflung haben muss, dass er diesen Schritt gehen will – es entzieht sich dem Vorstellungsvermögen jedes Nichtbetroffenen. Sowohl die alte als auch die neue Lorzentobelbrücke waren seit Anbeginn ihrer Existenz auch traurige Orte, wo Menschen sich in den Tod stürzten, weil sie keinen anderen Ausweg mehr wussten. Ob da hohe Gitterzäune und Warnschilder sowie Notrufsäulen der Dargebotenen Hand helfen, die Selbstmörder von ihrem letzten Schritt abzuhalten?

Ob vielleicht ein religiöses Symbol eher vermag, einen letzten Funken Hoffnung wieder erglimmen zu lassen, um innezuhalten und die fatale Entscheidung zu überdenken? Bereits in den 1930er-Jahren liessen die Menzinger Schwestern am Kopf der alten Lorzentobelbrücke ein Kruzifix errichten zum Gedenken an die Unglückseligen, die hier bis dahin ihr Leben gelassen hatten, und gleichsam zur Mahnung an die Lebensmüden. Rege wurde das Kreuz mit Blumen geschmückt und das Gedenken aufrechterhalten.

Als 1982 die Errichtung der neuen Strassenbrücke übers Tobel begann, war das Kreuz für die Bauarbeiten hinderlich und musste weichen. Wann und ob es an seinen alten Standort zurückgebracht werden würde, wusste niemand. Man verstaute das Kruzifix in einer Scheune. Dort fiel es jedoch eines Tages der Zerstörungswut übermütiger Nachtbuben zum Opfer. Dann war die neue Brücke fertiggestellt. Ein Kreuz aber gab es nicht mehr – zum Verdruss der Bevölkerung. Also sollte ein neues her. Ein Zuger namens Max Juch erhielt 1989 die Aufgabe, ein Kruzifix zu bauen. Er schuf ein schlichtes Doppelkreuz aus Eichenholz­balken. Leicht voneinander versetzt, erwecken sie den Eindruck, als würde es sich um zwei Kreuze handeln. An der Basis verstärkt mit weiteren Balken, steht es fest verankert auf einem zementierten Fundament. Auf der Rückseite – heute wegen dichten Buschwerks kaum mehr sichtbar – sind der Name des Künstlers und die Jahreszahl 1989 eingraviert. Das Kreuz steht unübersehbar gleich bei der Bushaltestelle Lorzentobelbrücke, im Zwickel der Ägeristrasse und dem Fahrweg zur alten Brücke. Obschon politisch auf Baarer Gemeindegebiet stehend, gehört das Grundstück dem Kanton. Er ist für die Kosten aufgekommen.

Somit hatte die neue Brücke auch ihr eigenes Mahnmal, modern gestaltet wie das Bauwerk selbst. Das beschädigte Kruzifix der Menzinger Schwestern jedoch fand keine Verwendung mehr. Da aber nach wie vor auch die alte Tobelbrücke von Lebensmüden aufgesucht wurde, sollte auch sie ein eigenes Mahnkreuz haben. 2002 wurde an ihrem südlichen Kopf ein schmuckes Holzkreuz mit dem Gekreuzigten aufgestellt. Auf einem Täfelchen die Fürbitte an Jesus für die Selbstmörder: Jesus, du bist unter dem Kreuz zusammengebrochen – für uns! Richte alle wieder auf, die zusammengebrochen sind und nicht mehr weiterkönnen. Amen. Farbenprächtiger Blumenschmuck wächst im kleinen Beet unter dem Kreuz, auf der Mauer unmittelbar nebenan stehen Armenseelenlichter und Engel als Zeichen der Trauer.

Bleibt einzig die Hoffnung, dass die stillen Mahnmale für den einen oder anderen, des Lebens überdrüssig geworden, erwirken, dass seine letzte Entscheidung vielleicht doch nicht die ­letzte bleiben sollte.

Andreas Faessler andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach. Frühere Beiträge finden Sie unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

 

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