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03.02.2016 00:00

«Thell solches nit thun woldt...»

  • Tellsprung und Gesslerhut – zwei legendäre Szenen aus der Schweizer Geschichte sind auf der prächtigen Zuger Scheibe festgehalten.
    Tellsprung und Gesslerhut – zwei legendäre Szenen aus der Schweizer Geschichte sind auf der prächtigen Zuger Scheibe festgehalten. | Bild Andreas Faessler
GLASMALEREI ⋅ Eine Zuger Standesscheibe von 1643 aus der Werkstatt Nüscheler zeigt eine Szene aus der Schweizer Geschichte. Statistisch gesehen waren solche Motive damals vergleichsweise selten.

Bei unserem heutigen Zuger Fundstück handelt es sich um ein Exponat des Landesmuseums in Zürich. An der Wand gleich gegenüber vom berühmten Palmesel aus Steinen SZ sind mehrere hinterleuchtete Glasgemälde aus dem 16. und 17. Jahrhundert eingelassen. Eines der prächtigsten ist die Standesscheibe von Zug mit einer Szene aus der Schweizer Geschichte. Die 32 mal 22 Zentimeter grosse Scheibe von 1643 stammt aus der Werkstatt der berühmten Glasmaler-Dynastie Nüscheler in Zürich, wo im Jahre 1620 auch der Zuger Glasmalermeister Christoph Brandenberg tätig war. 1971 erwarb das Landesmuseum die Scheibe via Kunsthandel; sie soll aus der alten Wohnbebauung an der Bärengasse in Zürich stammen. Um was für eine Stiftung es sich ursprünglich gehandelt hat, weiss man heute leider nicht mehr.

Bemerkenswert an der Scheibe ist, dass das Bildmotiv nicht direkt mit Zug in Verbindung steht. Im Hintergrund ist der von schroffen Felsen gesäumte Urnersee zu erkennen mit Wilhelm Tell, wie er mit geschulterter Armbrust vom Nauen auf eine Felszunge mit Kapelle springt – der Tellsprung. Die Kernszene vorne zeigt den legendären Gesslerhut auf der Stange, den die Eidgenossen in Demut grüssen sollen. Entsprechend lautet die Inschrift darunter neben dem Zuger Standesschild: Landtvogt Grißler uß übermuth setzt uffen stecken einen hutt, Gebot das man in Ehren solt Wilhelm thell solches nit thun woldt

Die Scheibe ist in einem hervorragenden Zustand. Man war damals prinzipiell erpicht, solche Szenen auf möglichst grosser Fläche darzustellen – ohne störende Bleinähte. Dafür waren diese Scheiben natürlich um einiges anfälliger auf Beschädigungen, weshalb viele Glasgemälde dieser Art im Laufe der Zeit mehrfach geflickt werden mussten. Unsere Zuger Standesscheibe hat im unteren und oberen Bereich je eine wenig störende Flicknaht und ein zwei Haarrisse.

Die Zuger Standesscheibe hat ein Zürcher Zwillingsexemplar, welches das Landesmuseum seinerzeit im selben Lot erworben hat. Die Zürcher Scheibe hat exakt denselben architektonischen Rahmen und Aufbau wie die Zuger Scheibe und ist auch farblich identisch, unterscheidet sich lediglich in der Szene und natürlich im Standeswappen. Die Darstellung auf der Zürcher Scheibe zeigt eine Gebirgslandschaft und davor einen Knecht Gesslers, der das Ochsengespann eines einheimischen Bauern konfiszieren will – laut Beschreibung des Landesmuseums soll es sich beim Bauern um einen gewissen Anderhalden handeln.

Die beiden Standesscheiben sind zwei wunderbare Exemplare hochkarätiger Schweizer Glasmalkunst und zusätzlich insofern kulturhistorisch kostbar, als Sujets aus der Schweizer Geschichte auf Glasscheiben dieser Epochen vergleichsweise selten sind. Statistisch ausgesprochen machten solche Motive weniger als 4 Prozent der hergestellten Glasscheiben aus. Am meisten verbreitet waren Szenen aus dem Neuen Testament und klassische Wappenscheiben.

Andreas Faessler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach. Frühere Beiträge finden Sie unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

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