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29.06.2016 00:00

Unkraut unter dem Weizen

  • Die Kanzel in der Rischer Pfarrkirche trägt ein Relief, das ein Gleichnis Jesu aus dem Matthäusevangelium zeigt. (© Andreas Fässler / Neue ZZ)
    Die Kanzel in der Rischer Pfarrkirche trägt ein Relief, das ein Gleichnis Jesu aus dem Matthäusevangelium zeigt. | Andreas Fässler / Neue ZZ
  • Das Gleichnis vom Weizen wird auf der Bronzetafel dargestellt: Der Sämann streut den Weizen, der Teufel (rehts, im Gehölz) säät derweil Unkraut. (© Andreas Fässler / Neue ZZ)
    Das Gleichnis vom Weizen wird auf der Bronzetafel dargestellt: Der Sämann streut den Weizen, der Teufel (rehts, im Gehölz) säät derweil Unkraut. | Andreas Fässler / Neue ZZ
RISCH ⋅ Die Kanzel der Pfarrkirche St. Verena ist ein Prachtstück, das genauer zu betrachten sich lohnt. An ihrem Korb ist ein populäres Gleichnis bildhauerisch dargestellt.

Es kommt nicht von ungefähr, dass die Pfarrkirche St. Verena zu Risch als eine der beliebtesten Heiratskirchen der Region gilt. Erhöht über dem Zugersee, steht sie prominent auf einer massiven Teilumfriedung – vom Wasser her betrachtet, kommt ihre Erscheinung fast einer Wehrkirche gleich. Vom Kirchhof aus hat man nicht nur einen phänome­nalen Blick über den See auf die gesamte Zugerbergkette und das Rigimassiv, sondern die Kirche selbst gilt wegen ihrer langen, wechselvollen Baugeschichte und ihres festlich ausgestatteten Innenraumes von überschaubarer Grösse als wahres Kleinod und zieht viele Besucher an. Ausserdem liegt das Gotteshaus an einem der stärksten Kraftorte der Schweiz – bei dem mächtigen, über 300 Jahre alten Thujabaum zwischen Kirche und Pfarrhaus werden bis zu 20 000 Bovis-Einheiten gemessen.

Unser Augenmerk gilt jedoch nicht der schmucken Pfarrkirche als Ganzes, sondern einem Detail im Inneren: der Kanzel. Sie ist ein besonders prachtvolles Element im Raum, der sich mit seiner filigranen Stuckierung von Meister Josef Landis dem Rokoko verpflichtet. Die Formensprache der Altargruppe und der Kanzel ist hingegen klassizistisch. Die Innenausstattung wurde in den Jahren 1825 und 1826 verändert respektive ergänzt und dem Zeitgeschmack entsprechend angepasst. Pfarrer Johann Bernhard Hildebrand (1756–1838), ab 1798 bis zum Ableben Pfarrer in Risch, stif­tete die Kanzel gleich persönlich. Aus einem Schreiben Hildebrands an einen befreundeten Pfarrer im Februar 1799 geht hervor, dass das Predigen eine von seinen Lieblingsbeschäftigungen sei. Somit liegt es auf der Hand, dass Hildebrand für die Kanzel gleich selber aufkam – damit sie auch möglichst schön werde.

Am 6. Mai 1824 beauftragte Pfarrer Hildebrand den aus dem luzernischen Reiden stammende Bildhauer Niklaus Häfliger, (1767–1837), der auch die Um­gestaltung der Altargruppe besorgte, mit der Ausführung der neuen Kanzel für die Rischer Pfarrkirche. Er bezahlte dem Künstler 12 Dublonen. Für die Fassung zeichnete der Maler Josef Arnold von Richental verantwortlich. Pfarrer Hildebrand war hochzufrieden mit dem Resultat. 1826 wurde die Kanzel installiert und eingeweiht. Der Schalldeckel ist besonders schön gestaltet mit Putti und Gold-staffiertem Quasten-Lambrequin. Auffallend ist die reich gefasste Kartusche unter der Brüstung mit dem Wappen des Stifters Pfarrer Johann Bernhard Hildebrand – ein schwarzer Ast mit goldenen Wurzeln und vier goldenen Flammen. Ein Hinweis, dass der Pfarrer den Chamer Hildebrands angehörte, obschon in deren Familienwappen der Ast üblicherweise nach links zeigt. Womöglich war es Wunsch des Pfarrers, dass sich sein Zeichen nicht vom Allerheiligsten abwendet.

Das eigentliche Fundstück, um das es diesmal geht, ist das zentrale Schmuckelement des Kanzelkorbes. Hier ist ein goldfarbenes Relief eingelassen, wohl Bronze, mit je einer grossen Niete in den Ecken. Die Szene stellt das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen dar, welches Jesus im Matthäusevangelium den Menschen erzählt. Darin heisst es, dass einem Mann, der Weizen sät, das Himmelreich gleichkommt. Doch wenn nachts alle schlafen und der Feind kommt, um Unkraut unter den Weizen zu säen, so wird beides wachsen. Als die Knechte dies sehen und den Gutsherrn fragen, ob sie das Unkraut ausreissen sollen, antwortet er ihnen, dass sie besser bis zur Ernte warten. Ansonsten würden sie auch Weizen mit ausreissen. Das Gleichnis lehrt unter anderem, dass es auf Erden stets böse Mächte gibt, welche die gute Saat verderben wollen. Es zeigt zudem auf, dass das Böse vom Guten oft kaum zu unterscheiden ist, und mahnt, nicht vorschnell zu urteilen. Ein Blick auf das Geschehen in der heutigen Welt zeigt schnell, wie zeitlos dieses Gleichnis doch ist.

Auf dem Relief ist im Zentrum der Sämann zu sehen, der den Weizen ausstreut und als Jesus gedeutet werden kann. Rechts in der Ecke, getarnt im Gehölz, wirft der Feind ganz «heimlifeiss» in der Gestalt eines gehörnten Teufelchens mit Bocksfüssen die schlechte Saat mit aufs Feld. In der linken unteren Bildhälfte schlafen die Knechte. Der Saatbeutel am unteren Rand in der Mitte zu Füssen der Schlafenden weist die Jahreszahl 1825 auf. Die von unten gesehen schlecht lesbaren Initialen darüber lassen ein «H» erkennen, was wohl auf den Auftragnehmer Niklaus Häfliger hinweist.

Andreas Faessler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach. Frühere Beiträge finden Sie unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

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