ZUG

Vom Chaos zur Ordnung

Die Wandmalereien in der Kantonsbibliothek muten im ersten Augenblick befremdlich an. Es handelt sich aber um eine klar definierte Symbolik und Bildsprache.
24.06.2015 | 00:00

Etwas ratlos mag man die Wandmalereien in der Eingangshalle der Kantonsbibliothek Zug betrachten. Was stellen sie dar? Ist es naive Kunst? Eine willkürliche Anordnung von Gegenständen oder Symbolen? Im Frühling 1988 schuf der gebürtige Unterägerer Künstler Albert Merz er lebt und arbeitet in Berlin – diesen Bilderzyklus, der in Wahrheit konkrete Zusammenhänge in sich selbst aufweist. Dahinter steckt eine durchdachte Symbolik, die von vertiefter Kenntnis der Schöpfung zeugt. In einem ausschweifenden Beitrag im Neujahrsblatt von 1990 entschlüsselt der Zuger Kunsthistoriker Heinz Greter den Bilderzyklus, der hier in etwas verkürzter Form zusammenfassend wiedergegeben sein soll.

Ausgangspunkt der Malerei ist das merkwürdige Wandbild auf durchzogenem blauem Grund. Mit Kohlestift ist eine Fülle an Gegenständen in offenbar wildem Durcheinander an die Wand gebannt. Eine instabile Leiter führt den Blick des Betrachtenden zu einer Gruppe Menschen. Nun weisen die Darstellungen klare Formen auf, und die Farbhintergründe sind einheitlich und satt. Die Menschen stehen für das Leben, welches aus dem sich anschliessenden Ursymbol der Menschheit hervorgegangen ist: Der Uroboros, die sich in den Schwanz beissende Schlange, steht für die Ganzheit und die Unschuld des Menschen. Gefolgt von einem Symbol der Teilung führt die Bildgeschichte zum vor einem Haus liegenden Hund. Der Mensch hat das Tier domestiziert.

Das folgende «Zweihaus» steht für das Zusammenleben des Menschen. Der goldenen Ähre als Inbild der Landwirtschaft folgen ein Schiff und ein Rad, zwei Schlüsselerfindungen in der Menschheitsgeschichte. Der kleine Kreis schliesslich symbolisiert die gewordene Vollkommenheit. Eine Treppe vermittelt den Weg aus der Vergangenheit in die Gegenwart, das Rechteck zum Schluss steht für das Geordnete. Und schliesslich führt eine Leiter diesmal eine stabile – auf die Empore der Bibliothek, wo das wertvolle Wissen über die Welt in Form von Büchern lagert.

Albert Merz’ Bilderfries stellt also am Anfang das ungeordnete Chaos dar, aus dem durch das Werden der Schöpfung die irdische Ordnung entsteht. Mit erstaunlicher Einfachheit vermittelt der Künstler mit jedem einzelnen Symbol eine konkrete Botschaft. Angesichts dieses Hintergrundes wird der anfangs befremdlichen Bildsprache eine ganz neue Qualität zu eigen. Heinz Greter bringt es auf den Punkt: Albert Merz gestaltet das sinnentleerte Chaos im grossen Wandbild mit höchstem Kunstverstand und Ordnungssinn. Diese Widersprüche sind logisch nicht aufzulösen. Sie können nur gestaltet werden.

Andreas Faessler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach.

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