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09.12.2015 05:00

Vom Ernten und Sammeln

  • Die Marmorskulptur am Gebäude der Kantonalbank stammt von Josef Rickenbacher. Sie durchbricht das glatte Erscheinungsbild der Plattenwand.
    Die Marmorskulptur am Gebäude der Kantonalbank stammt von Josef Rickenbacher. Sie durchbricht das glatte Erscheinungsbild der Plattenwand. | Bild Christian H. Hildebrand
ZUG ⋅ Die Frau an der Fassade des Kantonalbankgebäudes pflückt Früchte von einem Baum. Auf den ersten Blick sieht Josef Rickenbachers Kunstwerk aus wie eine Vollplastik, ist aber ein Relief.

Seit wenigen Tagen ist sie wieder sichtbar, die eindrückliche Steinskulptur am Gebäude der Zuger Kantonalbank an der Bahnhofstrasse 1. Fast anderthalb Jahre war das von einem Brand verwüstete, unter Denkmalschutz stehende Gebäude eingepackt (siehe auch Seite 22), die Skulptur inklusive. Es ist eines der auffälligsten Werke des bedeutenden Schwyzer Bildhauers Josef Rickenbacher (1925–2004), von dem in Zug heute noch mehrere Arbeiten zu sehen sind.

Der Bau des Bankgebäudes in den Jahren 1955 bis 1958 durch die Architektengemeinschaft Hafner/Wiederkehr geht auf einen Architekturwettbewerb im Jahre 1949 zurück. 1956 erhielt Bildhauer Josef Rickenbacher den Auftrag, die hohe Stirnwand, welche die postplatzseitige Fensterfront des Gebäudes flankiert, mit einem Kunstwerk zu versehen. Dabei wurde ihm völlig freie Hand gewährt, was die Thematik sowie das Gestalterische betrifft – die besten Voraussetzungen, die ein Künstler für ein Auftragswerk haben kann. Josef Rickenbacher wählte ein Thema, das sich leicht mit den Geschäften hinter der Fassade assoziieren lässt: Ernten und Sammeln. Rickenbacher verwendete Laaser Marmor, aus welchem auch die Ummantelung des Gebäudes besteht.

Das Relief stellt eine weibliche Person dar wie sie mit ihrer Rechten Früchte von einem Baum erntet und sie mit ihrer Linken in einer Schale sammelt. Neben ihr sitzt ein Vogel im Geäst. In einem ausführlichen Beitrag zu Josef Rickenbacher schreibt der Zuger Historiker Josef Brunner, dass der Künstler die Marmorplastik an der Kantonalbank in vereinfachenden Schritten erarbeitet hat. Heisst, dass seine Vorstudien dazu realistischere Darstellungen waren, als es schliesslich das fertige Werk geworden ist. Auch das Gipsmodell im zweitletzten Arbeitsschritt zeigt die abgebildete Figur naturnah und mit ausgeprägteren Zügen. Bewusst hat Rickenbacher in der finalen Ausführung eine blockhaftere Darstellungsform gewählt, einerseits weil er die geschlossenere Form als passender für die Fassade empfand, andererseits, weil es die Ausarbeitung im Marmor auch ein Stück weit so erforderte. Dennoch hat Rickenbacher erreicht, dass die Skulptur eine gewisse Natürlichkeit ausstrahlt, sowohl im Gesichtsausdruck als auch in der Bewegung des Pflückens und Ablegens von Früchten.

Die Marmorplastik agiert als gegensätzlicher Akzent zu den strengen Linien der Wandplatten und zu den kubischen Formen des Gebäudes – wie eine verspielte Brosche an einem einfachen, eleganten Kostüm. Betrachtet man das Kunstwerk von der Seite, so stellt man fest, dass dessen Rückseite flach ist und parallel zur Gebäudewand steht. So wird erst sichtbar, dass es sich überhaupt um eine Reliefarbeit handelt und nicht um ein vollplastisches Gebilde. Durch die unterschiedliche Oberflächenbearbeitung des Reliefs und der glatten Plattenwand entsteht ein eindrückliches Spannungsverhältnis. Josef Brunner taxiert das Werk Rickenbachers als ausgezeichnet getroffen bezüglich Einordnung in die Wand und Grössenverhältnis zu dieser.

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach. Frühere Beiträge finden Sie unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

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