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18.03.2015 00:00

Warum die Dame Nicole heisst

  • Die Bronzestatue «Nicole» von Josef Rickenbacher war ein Geschenk von V-Zug an die Stadt.
    Die Bronzestatue «Nicole» von Josef Rickenbacher war ein Geschenk von V-Zug an die Stadt. | Stefan Kaiser / Neue ZZ
ZUG ⋅ Die lebensgrosse Frauenfigur aus Bronze beim Gotthardhof stammt von Josef Rickenbacher. Ihre Benennung geht auf ein freudiges Familienereignis des Künstlers zurück.

Fast jeder, der in Zug gelegentlich zu Fuss unterwegs ist, wird ihr schon begegnet sein. Viele Passanten kommen sogar täglich an ihr vorbei vielleicht mehrmals. Aber wie viele von ihnen «Nicole» überhaupt noch wahrnehmen, ist eine andere Sache. Immerhin steht sie seit 1988 hier am Nordende des Bundesplatzes neben dem Gotthardhof, wo sich der alltägliche Menschenstrom vom Bahnhof Richtung See und entgegengesetzt vorbeibewegt. Auf einem Betonsockel platziert, schaut die Bronzestatue «Nicole» sich abstützend, stoisch und wie in sich gekehrt auf die Strassenkreuzung.

Auf einer unauffälligen Plakette ist zu lesen, dass «Nicole» anlässlich des 75-Jahr-Jubiläums der V-Zug hier aufgestellt worden ist. Das Traditionsunternehmen wollte nämlich der Stadt Zug ein Geschenk machen. So gelangte Rino Rossi, späterer Verwaltungsratspräsident der V-Zug, an den damaligen Stadtarchitekten Fritz Wagner, um sich mit ihm auszutauschen, wie das Geschenk für die Stadt aussehen und wo es aufgestellt werden sollte. Der Platz war schnell gefunden, nämlich da, wo einst die Villa Weber gestanden hatte. Oscar ­Weber (18681952) war als bedeutender Industrieller und Kaufmann in die Zuger Wirtschaftsgeschichte eingegangen durch die Mitgründung der V-Zug, als Verwaltungsratspräsident der von seinem Vater mitbegründeten Metallwarenfabrik Zug und durch weitere Beteiligungen an Zuger und Zürcher Unternehmen. Welcher Ort also könnte sich besser eignen als der einstige Standort des Palais Weber? V-Zug war mit dem Vorschlag Wagners einverstanden.

Und was sollte hier jetzt zu stehen kommen? Fritz Wagner besann sich auf den Schwyzer Bildhauer Josef Rickenbacher (19252004), der in Zug mit Plastiken und Beiträgen an die Architektur bereits prägend gewirkt hatte. Wagner fuhr zu Rickenbacher nach Steinen SZ in dessen Atelier. «Als ich ankam, war er ganz aufgelöst», erinnert sich Wagner. «Er sei soeben Grossvater geworden, meinte er. Von einem Mädchen. Es heisst Nicole.» Und im Atelier stand in dem Moment das fast fertige Lehmmodell einer Frauenstatue. Für den Stadtarchitekten war schnell klar, dass diese Statue das gesuchte Geschenk für Zug werden soll. «In der Folge wurde das Lehmmodell in Gips angefertigt und nach Mendrisio in eine der wenigen Kunstgiessereien gebracht», führt Wagner aus. «Dort entstand schliesslich der endgültige Bronzeguss.» Wagner hat den ganzen Entstehungsprozess von «Nicole» mitverfolgt. Der Bronzestatue liegt eine Vorlage der «Stauffacherin» zu Grunde, der Ehefrau des legendären Werner Stauffacher. In Steinen steht eine der Rickenbacher-«Stauffacherinnen» als Bronzeguss neben dem ehemaligen Restaurant Rössli und schaut über den Dorfplatz zur Pfarrkirche. Wie die «Stauffacherin» wirkt auch «Nicole» mit ihren einfachen Formen so archaisch wie geerdet – und gerade dadurch so ausdrucksstark.

«Es ist eigentlich nicht im Sinne des Künstlers, wie ‹Nicole› jetzt dasteht», sagt Wagner. Denn Rickenbacher wollte nicht, dass ihr Gesicht auf den Verkehr ausgerichtet ist, sondern «Nicole» sollte mehr in Richtung Confiserie Speck schauen. «Die Statue ist seit ihrer Aufstellung zweimal verschoben worden», bedauert Wagner. Dass dieser Ort, welcher in gewissen Dokumenten sogar als Nicole-Platz vermerkt ist, vom Stadtrat in Kirschtortenplatz umgetauft werden soll (siehe Artikel auf Seite 22), findet Fritz Wagner gar nicht gut. «‹Nicole› und dieser Ort haben einen ganz bestimmten historischen Hintergrund», sagt er. Und dieser hat mit der Zuger Kirschtorte nichts zu tun.

Andreas Fässler

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir wöchentlich mehr oder weniger auffälligen Details mit kulturellem Hintergrund im Kanton Zug nach.

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