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12.10.2016 09:10

Wo ist Eustachius abgeblieben?

  • Der Flügelaltar im Baarer Beinhaus ist ein Kleinod der Spätgotik. Das Sprengwerk darüber stammt jedoch aus der Renaissance. Dies könnte der Grund sein, warum im Figurenprogramm ein Protagonist fehlt. Bild: Stefan Kaiser (11. Oktober 2016)
    Der Flügelaltar im Baarer Beinhaus ist ein Kleinod der Spätgotik. Das Sprengwerk darüber stammt jedoch aus der Renaissance. Dies könnte der Grund sein, warum im Figurenprogramm ein Protagonist fehlt. Bild: Stefan Kaiser (11. Oktober 2016)
BAAR ⋅ Der Flügelaltar in der Friedhofskapelle ist ein kostbares Kleinod der Spätgotik. Betrachtet man das Figurenprogramm genauer, so stellt man eine Unvollständigkeit fest. Über den Grund lässt sich nur spekulieren.

Das Beinhaus St. Anna zu Baar, erbaut Anfang 16. Jh., ist eine geradezu beispiellose kunsthistorische Schatztruhe. Abgesehen vom wohlproportionierten spätgotischen Baukörper weist es an der kirchseitigen Aussenwand ein weitherum einzigartiges Gemälde der «dankbaren Toten» auf, über das an dieser Stelle bereits berichtet worden ist. Im Inneren überspannt eine bemerkenswerte Holzdecke mit filigranen Flachschnitzereien das Schiff, an der Seitenwand Reste spätmittelalterlicher Malereien sowie das ehemalige Chorkreuz der Pfarrkirche, im Chor steht ein über 600 Jahre alter Kreuz tragender Christus, und rechts vom Chorbogen setzt ein reichst verarbeiteter Barockaltar mit einer Einsiedler Madonna den Hauptakzent im Innenraum.

Wohl am kostbarsten aber ist der spätgotische Flügelaltar im Chor aus der ersten Hälfte des 16. Jh. Was ihn besonders wertvoll macht, ist die Tatsache, dass er das einzige in solcher Vollständigkeit erhaltene Beispiel dieser Hochaltar-Gattung im Kanton Zug ist. So würdigt der Zuger Kunsthistoriker Josef Grünenfelder im Kunstführer über das Baarer Kirchenensemble das Prunkstück. In der Beschreibung des reichen Figurenprogramms am Altar nennt Grünenfelder ein kleines, aber umso interessanteres Detail: Es scheint eine Figur zu fehlen. Tatsächlich kommt man zu diesem Schluss, betrachtet man die Ikonografie der Statuen.

Die Figur der Anna Selbdritt im Zentrum mit Maria und Jesus auf den Armen wird umgeben von den 14 Nothelfern – eine Gruppe von Heiligen, welche vom Volk im Falle von Not und Bedrängnis angerufen werden. Bestimmt man diese Heiligen nach ihren Attributen, so kommt man aber nur auf deren 13. Die meisten sind auf unserem Bild gut zu erkennen: Links von Anna stehen Katharina mit Krone, Schwert und Rad sowie Blasius im Bischofsornat mit Stab. Im linken Flügel reliefiert sind Achatius als Ritter mit einem Dornenzweig und Georg, ebenfalls als Ritter, einen Drachen tötend. Rechts von Anna reihen sich Margareta mit einem Kreuz und einem Drachen zu ihren Füssen sowie Dionysius mit seinem Kopf in den Händen. Im anschliessenden Flügel sind – wieder reliefiert – Aegydius zusammen mit einer Hirschkuh sowie der Jesus tragende Christophorus abgebildet. Jetzt haben wir bereits acht der vierzehn Heiligen beisammen. Weitere drei sind im Altarsockel, der so genannten Predella, als Halbfiguren abgebildet. Links Veit mit einem Ölkessel, in der Mitte Pantaleon mit einem Salbentopf in der Hand und rechts Barbara vor einem Gefängnisturm.

 

Nun fehlen noch drei Heilige, um das Figurenprogramm zu vervollständigen. Diese waren vermutlich einst auf dem ursprünglich dazu gehörenden Aufsatz über dem Altar platziert, welcher jedoch etwa 100 Jahre nach Anfertigung des Altars ersetzt worden sein muss. Das verrät der Stil des jetzigen Aufsatzes, der ein Renaissance-Sprengwerk mit einer viel später hinzugefügten Figur des hl. Michael aufweist. Wir entdecken nun noch vier weitere, kleinere Heiligenfiguren: deren zwei auf dem Gesims des Aufsatzes und zwei einzeln links und rechts vom Altarsockel stehend. Wir suchen noch Erasmus, Cyriacus und Eustachius. Ersteren finden wir – so erörtert Josef Grünenfelder – vermutlich in der Figur im Bischofsgewand rechts vom Sockel. Um Cyriacus hingegen dürfte es sich bei der rechten Figur auf dem Altaraufsatz handeln, die im Diakongewand und mit Märtyrerpalme auf einen Drachen als Inbild des Bösen tritt. Eustachius aber lässt sich keiner der verbleibenden zwei Figuren zuordnen, von denen eine ein Mönch – ihm fehlt eine Hand – ist und die andere eine nicht identifizierte Figur nur mit Märtyrerpalme. Eustachius wäre nämlich auf Anhieb zu erkennen: Er wird als geharnischter Krieger mit einem Hirsch, der in seinem Geweih ein Kreuz trägt, dargestellt. Diese Figur fehlt im Programm des Baarer Flügelaltars, welcher demzufolge nur mit 13 Nothelfern versehen ist. Möglicherweise ging Eustachius verloren, als man den Altaraufsatz erneuerte – oder er wurde mit dem hl. Michael ersetzt?

 

In der Annakapelle in Baar kann man im Bedarfsfall immerhin 13 Nothelfer anrufen, die einem bei allerlei Leiden und Sorgen beistehen oder über zahlreiche Berufsgattungen wachen. Aber Förster, Jäger, Tuchhändler, Klempner und Krämer – oder wer eine Familientragödie erleidet oder von schädlichen Insekten heimgesucht wird –, diese Leute sollten woanders beten. Dafür wäre nämlich der heilige Eustachius zuständig.

Hinweis

Mit «Hingeschaut!» gehen wir Details mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach. Frühere Beiträge finden Sie online unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut

Andreas Faessler

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